Gruppe “Homosexualität und Gesellschaft”

Die Gründung der Gruppe Homosexualität und Gesellschaft geht auf einen Abend im Juni 1972 zurück, an dem sich eine Gruppe Studierender in der Gaststätte im neuen Werebahnhof in Freiburg zusammenschloss. Die Initiative wurde maßgeblich durch Rosa von Braunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, die erste schwule Demonstration in Münster sowie die Impulse der 68er-Bewegung und der Stonewall-Aufstände in den USA angeregt. Aus diesem ursprünglichen Kreis entwickelten sich zwei unterschiedliche Strömungen: die revolutionär orientierte Basisgruppe Homosexualität und Gesellschaft (H6G) und der eher gemäßigte, bürgerlich-liberale Arbeitskreis Homosexuelle und Gesellschaft (AHG). Während die H6G die Befreiung der Homosexuellen als Teil eines grundlegenden gesellschaftlichen Wandels begriff und die Überwindung von Kapitalismus und patriarchalen Strukturen forderte, setzte der AHG auf Dialog und Reformen innerhalb des bestehenden Systems.

Trotz ihrer verschiedenen politischen Ausrichtungen einte die Gruppen das Ziel, den Paragraphen 175 abzuschaffen und Diskriminierung am Arbeitsplatz sowie bei der Wohnungssuche zu bekämpfen. Die Aktivisten leisteten intensive Basisarbeit, verteilten tausende Flugblätter in der Stadt und organisierten öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen wie die erste schwule Filmwoche im kommunalen Kino. Ein großes Hindernis in der Anfangszeit war der Mangel an öffentlichen Räumen für die Gemeinschaft, weshalb Treffen oft in Privatwohnungen oder Hinterzimmern von Gaststätten stattfanden. Mitte der 1970er Jahre löste sich die H6G schließlich aufgrund interner Differenzen und einer gewissen Ernüchterung über die Langwierigkeit des politischen Kampfes auf. Dennoch bleibt die Gruppe ein bedeutender Meilenstein der Freiburger Emanzipationsgeschichte, da sie Gesellschaftskritik erstmals systematisch mit homosexuellem Aktivismus verknüpfte.

Quellen: Audioguide (Station 27), SiF-Magazin (Dezember 2010)