Der erste Freiburger CSD fand am 24. Juni 1989 anlässlich des 20. Jahrestags der Stonewall-Aufstände statt. Unter dem radikalen Motto „Bringt den Heterrorismus zu Fall. Lesbisch schwule Revolte überall“ zogen etwa 1000 Teilnehmerinnen bunt, laut und ausgelassen durch die Innenstadt. Die von der Rosa Hilfe, den Rosekids und Lesbengruppen organisierte Demonstration verfolgte das Ziel, die Vereinzelung aufzubrechen und die Spielregeln der Heterogesellschaft nicht länger zu akzeptieren. Zu den Aktionen gehörten ein Satire-Theaterstück vor dem erzbischöflichen Ordinariat und eine politische Abschlusskundgebung. Es herrschte eine revolutionäre Stimmung, da sich viele Teilnehmende zum ersten Mal öffentlich zu ihrer Homosexualität oder Andersartigkeit bekannten.
So war der erste Christopher Street Day 1989 in Freiburg
So wie vielerorts steht auch der Freiburger CSD dieses Jahr im Zeichen des 50-jährigen Jubiläums der Stonewall-Aufstände und dem weltweiten Aufblühen der homosexuellen Freiheitsbewegung. Doch wann kam die Bewegung nach Freiburg? Und wie?
Die Christopher Street Day Demonstrationen (engl. Pride Parades), die vielerorts auf der ganzen Welt stattfinden, sollen nicht nur ein Zeichen für die Akzeptanz von queeren Menschen setzen und politische Forderungen stellen, sondern sie erinnern auch an ein ganz bestimmtes Ereignis der Geschichte. In der Nacht vom 26. auf den 27. Juni 1969 kam es in der von schwulen, lesbischen und transgender Personen besuchten Bar “Stonewall Inn” in der Christopher Street in New York zu einer Razzia durch die Polizei. Dabei wurden nicht nur zahlreiche Besucher verhaftet und deren Namen später in der Zeitung veröffentlicht, sondern es kam auch zu gezielter Gewalt, vor allem gegen weiblich aussehende Männer und Transfrauen.
An diesem Abend jedoch ließen sich viele das Vorgehen der Polizei nicht mehr gefallen, und die Polizisten wurden schließlich in einer gewaltsamen Straßenschlacht vertrieben. Es war eines der ersten Male, dass sich vor allem schwule, lesbische und transgender Menschen aktiv gegen ihre Unterdrücker auflehnten und so wird dieses Ereignis heute als Wendepunkt in der Geschichte der homosexuellen Freiheitsbewegung angesehen. Im folgenden Jahr organisierte die “Gay Liberation Front” eine Demo in New York, um an den Aufstand zu erinnern. Somit war der erste Christopher Street Day geboren und die Bewegung ging bald um die ganze Welt.
Erster CSD in Freiburg 1989
Obwohl erste Paraden schon einige Jahre später in Deutschland stattfanden, dauerte es bis 1989, bis der erste CSD in Freiburg anlief. Dirk Heudorf, heute im CSD-Verein, war auch damals schon einer der Organisatoren, und erzählt warum es in Freiburg so lange gedauert hat: “Queere Gruppen gab es in Freiburg zwar schon vorher, aber erst mit der Frauenbewegung der 60er Jahre, der Anti-AKW-Bewegung der 80er und der Schwulenrechtsbewegung aus den USA sind sie stärker aufgetreten. Auch die Aids-Krise ab 1982 brachte die Homosexuellenbewegung vermehrt an die Öffentlichkeit. Ausschlaggebend für Freiburg war auch die Gründung der Rosa-Hilfe im Jahr 1985”, sagt Heudorf.
Der gemeinnützige Verein organisierte zusammen mit anderen engagierten queeren Gruppen, am 24. Juni 1989 die erste “Schwulen und Lesben Demo” in Freiburg. “Es gab harte Auflagen und etliche konservative, katholische und bürgerliche Parteien und Gruppen haben sich vehement gegen die Veranstaltung gesträubt”, erinnert sich Heudorf. Parolen wie “Jetzt gehen die Perversen wieder los!” oder “So etwas hätte es vor 50 Jahre nicht gegeben!”, wohl ein Bezug auf die NS-Zeit, hätten in der Stadt die Runde gemacht. Aber auch innerhalb der Community hätte es starke Auseinandersetzungen gegeben, vor allem zwischen dem lesbischen und schwulen Flügel. Und selbst im zehnköpfigen Organisationsteam wäre es zu Unstimmigkeiten und Diskussionen gekommen, wie die Demo genau aussehen sollte, erinnert sich Heudorf.
Ausgelassene Stimmung und verwirrte Passanten
Dem zum Trotz konnte die Demo schließlich durch die Innenstadt ziehen, sogar durch die Kajo und vor dem Erzbischöflichen Ordinariat in der Schoferstraße habe man ein Satire-Theaterstück vorgeführt. Es gab politische Kundgebungen und an die 1000 Teilnehmer. Matthias Fünfgeld, damals 32, erinnert sich sehr gut an die ausgelassene Stimmung unter den Teilnehmenden: “Für viele war es der erste Umzug dieser Art und oft auch das erste Mal, dass sie sich öffentlich zu ihrer Homosexualität oder Andersartigkeit bekannten. Es lag eine revolutionäre Stimmung in der Luft”, sagt Fünfgeld.
Die Veranstaltung war auch als Erinnerungsfeier zum 20-jährigen Jubiläum der Stonewall-Aufstände 1969 konzipiert worden und um Außenstehende miteinzubeziehen seien Luftballons verteilt worden, unter anderem mit der Aufschrift: “Wenn ich groß bin, werd ich schwul/lesbisch.” “Einige der nichtsahnenden Passanten haben nicht richtig verstanden, um was es bei dem Umzug eigentlich ging”, sagt Fünfgeld.
Beim Schwabentor hätte er allerdings eine mitfeiernde Seniorin gesehen, mit der er später ins Gespräch gekommen sei, sie hieß Käthe Riehl (Foto mit Ballon). Die alte Dame erzählte ihm, dass sie im Dritten Reich für einen schwulen Bekannten die Freundin gespielt hatte, um ihn vor der Verfolgung zu schützen. Eine Geschichte, die Matthias Fünfgeld sehr berührte und die ihm bis heute stark in Erinnerung geblieben ist. Ende Juni dieses Jahres reist der heute 62-jährige mit Freunden nach New York, um das 50-jährige Jubiläum der Stonewall-Aufstände zu feiern und den Kämpfern zu gedenken.
Afterparty wurde wegen Drohungen abgesagt
Alles in allem war der erste Freiburger CSD ein großer Erfolg. Allerdings musste die anschließende Afterparty abgesagt werden. “Randalierer und radikale Gruppen von außerhalb hatten angekündigt, dass sie die Party aufmischen würden. Ärger war zu erwarten”, erinnert sich Dirk Heudorf. Somit sei die erste Freiburger CSD-Afterparty zum Schutz aller gecancelt worden. Dies zeigte allen, weswegen man an diesem Nachmittag auf die Straße gegangen war: um für Akzeptanz und Frieden zu werben.
Auch Robert Sondermann, nun schon seit 20 Jahren Berater bei der Rosa-Hilfe und Aids-Hilfe in Freiburg und 1989 Student, erinnert sich wofür er damals eigentlich demonstriert hatte: “Es ging damals nicht um die Ehe für alle oder so was. Das empfanden viele als zu bürgerlich und spießig. Nein, es ging in erster Linie darum, einfach in Ruhe gelassen zu werden, und wegen seiner Sexualität akzeptiert und respektiert zu werden. Man wollte einfach frei sein. Das war der erste Schritt. Außerdem hätte niemand gedacht, dass es jemals zu einer Öffnung der Ehe oder etwas Vergleichbarem kommen würde.” Er sei immer noch erstaunt, wie schnell sich die deutsche Gesellschaft innerhalb weniger Jahre in Bezug auf Homosexualität liberalisiert hätte.
Viele Jahre mit Unterbrechungen
Trotz dieses Erfolgs fand der nächste Freiburger CSD erst wieder 1996 statt. “Zwischenzeitlich waren viele der früheren Aktivisten aus Freiburg weggezogen oder hatten wegen ihrem Berufsleben keine Zeit mehr. Deswegen hat es so lange gedauert”, erklärt Dirk Heudorf. Robert Sandermann erinnert sich, dass einige an HIV verstorben waren, und dass die Bewegung auf der ganzen Welt viele ihrer stärksten Kämpfer an die Krankheit verloren hatte. Der CSD von 1996 sei laut Sandermann aber nicht so links gewesen wie der erste, aber gleich stark besucht und immer noch sehr politisch. Aufklärung hinsichtlich AIDS sei damals das wichtigste Thema gewesen. Im Gegensatz zum Rückschlag von ’89 sei die Afterparty von ’96 aber ein so großer Erfolg gewesen, dass daraus die heute noch erfolgreiche Partyreihe “Ball VerQueer” entstanden sei.
2002 gab es dann nochmal eine große CSD-Parade in Freiburg, die vom damaligen TV Südbaden live übertragen wurde. Danach war es aber wie aus den bereits genannten Gründen lange Zeit ruhig. Mehrere Jahre lang fand zwar das kommerzielle Straßenfest “Sommerlust” statt, anfangs am Kartoffelmarkt, dann im Colombipark, aber stets ohne Umzug. Erst 2014 bekam Freiburg wieder einen richtigen CSD, mit Parade und politischen Kundgebungen.
Seit 2014 jedes Jahr
Ronny Pfreundschuh, nun schon fünf Jahre in der neuen CSD-Orga, erzählt, dass die Inspiration damals aus Berlin kam. Dort gab es, neben dem kommerziellen Mainstream-CSD, nämlich viele Jahre in Kreuzberg noch einen kleineren Umzug namens “Transgenial”, der viel politischer und linksorientierter war. So etwas wollte man auch in Freiburg auf die Beine stellen: “Eine Demo mit absolutem Auffall-Charakter”. Im Februar 2014 fand das erste Planungstreffen des noch kleinen Vereins statt und man war sich zu diesem Zeitpunkt noch unsicher, ob es im gleichen Jahr überhaupt noch klappen würde. Im Juli konnte die Demo dann doch erfolgreich anlaufen und verzeichnete 1000 Teilnehmer.
Das Rezept der Organisatoren ging auf, denn seitdem gibt es in Freiburg jedes Jahr einen CSD, mit Parade, politischen Kundgebungen und Afterpartys. Und er wird mit jedem Mal größer: nach Angaben der Organisatoren gab es 2017 5000 Teilnehmer, 2018 10.000 und für 2019 rechnet man sogar mit 15.000. In Anbetracht der aktiven Teilnehmenden, ist der Freiburger CSD mittlerweile der viertgrößte Deutschlands.
Fester Bestandteil der Stadt
Es ist vielleicht gerade diese Rückkehr zu antikommerziellen, politischen Wurzeln des ersten Freiburger CSDs und dem rebellischen aufständischen Charakter der Stonewall-Kämpfer, die den Freiburger CSD seit fünf Jahren so erfolgreich machen. Seit 1989 ist es ein langer Weg mit Hürden. Im vergangenen Jahr mussten sich die Veranstaltenden das Recht einklagen durch die Kaiser-Joseph-Straße zu ziehen. Aber mittlerweile ist der Umzug aus dem Sommerprogramm der Stadt nicht mehr wegzudenken und zum Highlight vieler lokaler Gruppen geworden. Außerdem sind die Veranstalter der Meinung, dass der CSD die queeren Vereine in Freiburg wieder stärker zusammengebracht hätte und die Szene dadurch viel engagierter und politischer geworden sei.
Der Christopher Street Day 2019 stellt somit in vielfacher Hinsicht ein Jubiläum dar: Fünf Jahre lang ununterbrochen CSD in Freiburg, 30 Jahre seit seiner ersten Austragung 1989 und 50 Jahre Stonewall. Zu diesem Zweck findet auch am 28. Juni ein Sektempfang im Rathaus statt und alle öffentlichen Gebäude der Stadt sollen eine Woche lang mit Regenbogenfahnen beflaggt werden.
Der Kampf ist noch nicht zu Ende
Aber es soll nicht nur gefeiert werden. 50 Jahre Stonewall sollen auch daran erinnern, dass es noch viele Missstände gibt, in Deutschland und auf der ganzen Welt. Die erstarkenden, rechten Kräfte heizen teilweise auch Homophobie an. Queere Menschen sind immer noch Ausgrenzung und Hänseleien ausgesetzt. Und in etlichen Staaten auf der Welt steht auf Homosexualität die Todesstrafe. Der Kampf weiter.
Quelle: Badische Zeitung, 21.06.2019
Der CSD geht auf einen Aufstand von queeren BIPOCs im Stonewall Inn in New York 1969 zurück. In Freiburg findet er zum ersten mal 1989 statt, mit radikalen politischen Ansprüchen. Seit Beginn bestehen Spannungsfelder rund um die politische Ausrichtung, das Verhältnis Party/Politik, zwischen den teilnehmenden Gruppen und um die Rolle von cis hetero Personen.
Vom Aufstand zur Demonstration
Der Christopher Street Day – kurz CSD – hat seinen Ursprung im Jahr 1969 in den USA. 20 Jahre später fand in Freiburg die erste Demo statt, die sich für die Rechte der LGBTQ*-Community einsetzte. Wie der CSD damals hieß, was die Hintergründe waren und wie auf ihn reagiert wurde, haben Lilli, Vinzent und Katharina von der damaligen Mitorganisator:in Dominique Schirmer erfahren.
Hallo Dominique Schirmer, Sie sind Soziolog:in an der Uni Freiburg und arbeiten gerade die Stonewall-Demo von 1989 in Freiburg auf, die sich für die Rechte der LGBTQ*-Community eingesetzt hat. Sie haben damals die Demo mitorganisiert. Die Stonewall-Demo heißt heute Christopher Street Day, kurz CSD. Auf was bezieht sich die Bezeichnung Stonewall-Demo?
Die Geschichte dahinter ist, dass queere Menschen, Lesben, Schwule, trans Personen in dieser Kneipe, im Stonewall Inn in New York, zuhause waren und sich da oft getroffen und aufgehalten haben. Das Stonewall Inn befand sich in der Christopher Street. Es war gang und gäbe, dass Behörden kamen, die Polizei kam und die Leute kontrolliert, schikaniert und zum Teil ins Gefängnis gesteckt hat.
Irgendwann haben sich die Leute das nicht mehr gefallen lassen. Dann gab es 1969 den sogenannten Stonewall-Riot, einen Aufstand, bei dem die Menschen sich gewehrt haben. Dabei kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen, es wurde mit Flaschen und Gegenständen geworfen. Jemand soll einen Molotow-Cocktail in die Kneipe geschmissen haben. Es gab richtige Krawalle und das war für die Community das Zeichen „Wir wehren uns und lassen uns nicht gefallen, dass wir schikaniert werden“.
Dieser Aufstand war in vielen Ländern für die Communities eine Initialzündung. Deshalb wird das bis heute weltweit gefeiert und bei Veranstaltungen immer wieder auf diese Christopher Street oder Stonewall-Ereignisse zurückgeführt. Inzwischen ist der Name CSD in Deutschland gebräuchlich. International heißt es Gay Pride oder Queer Pride.
Wir haben die erste Demo 1989 in Freiburg Stonewall genannt. Den Namen CSD gab es noch nicht. Zum 20. Jahrestag wollten wir mit der Stonewall-Demo der Ereignisse gedenken.
Inwiefern haben bei den Stonewall-Riots People of Color (PoC), trans Personen und trans PoC eine Rolle gespielt?
Sie haben eine große Rolle gespielt. Deshalb können wir aus heutiger Sicht sagen, das war wirklich eine queere Community, mit allen möglichen Leuten mit verschiedenen Hintergründen. Es waren queere Schwarze und PoC-Personen, trans Personen, Lesben und Schwule dabei.
Seit 1979 gibt es den CSD oder Gay Pride in der BRD und seit Anfang der 1980er in NRW. War die Demo 1989 der erste CSD in Freiburg?
Alle Quellen, die ich gesichtet habe, sagen, es war der erste CSD in Freiburg. In Berlin begann die Bewegung auch um die 1980er Jahren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in den 60ern oder in den 70ern bereits solche Veranstaltungen in Freiburg gab.
Wie kam es genau zur ersten Stonewall-Demo in Freiburg?
Wir haben damals eine Gruppe gegründet, die hieß Lesbenaktionsgruppe. Wir waren eine Gruppe von Lesben, die aus Empörung, aus Wut, aus Aktionsdrang, alles was wir in die Finger bekamen, behandelten. Mit anderen zusammen habe ich damals beispielsweise auch die Freiburger Lesbenfilmtage gegründet.
Wir haben uns mit sehr vielen politischen Themen befasst. Beispielsweise gab es damals die Clause 28 in Großbritannien. Die britische Regierung hatte ein Gesetz erlassen zur „homosexuellen Propaganda“, so wie es das jetzt in Russland gibt. Dieses Gesetz besagte: Alles, was Werbung für Homosexualität macht, ist strafbar. Das heißt, es durfte beispielsweise keine Werbung mehr für das Lesbentelefon, einer Beratungsstelle für lesbische Frauen, gemacht werden.
Wir haben etwas gesehen oder etwas mitgekriegt und haben daraus Aktionen gemacht. So haben wir auch die Geschichte vom Stonewall Inn aufgegriffen. Wie es genau dazu kam, weiß ich nicht mehr. Ich erkläre mir das so, dass es einige Aktivist*innen gab, die sich an den Ereignissen von 1969 orientiert hatten und der 20. Jahrestag ein guter Anlass war, selbst eine Demo zu organisieren.
Hauptinitiator*innen der Demo 1989 waren der Verein Rosa Hilfe und die Lesbenaktionsgruppe. Wie wurde die Demo aufgenommen?
Ein schönes Beispiel ist: Wir hatten Luftballons, auf denen stand „Wenn ich groß bin, werde ich lesbisch“ oder „Wenn ich groß bin, werde ich schwul“. Eine Frau mit ihrer Tochter, einem kleinen Kind im Kinderwagen, hat uns gefragt, ob sie so einen Luftballon kriegt. Die Tochter wollte unbedingt diesen Luftballon haben und die Mutter war sehr freundlich und ganz begeistert. Das waren Momente, die für uns einfach toll waren, da wir bis dahin meistens negative Erfahrungen gemacht hatten in der Gesellschaft und auf der Straße. Auch durch Berichte und Gespräche mit anderen Beteiligten habe ich rekonstruiert, dass die Stimmung damals sehr gut war, auch bei den Leuten, die an der Straße standen.
Aber es gab natürlich auch andere Situationen. So hieß es bei der Behördenanmeldung der Demo, dass wir nur bis 23 Uhr feiern dürften. Da die Feste in der Gießereihalle aber normalerweise bis zwölf oder ein Uhr nachts gingen, empfanden wir das als Schikane seitens der Behörden. Auch was die Berichterstattung anging, gab es damals große Kritik und Frust, weil eigentlich nicht über die Demo berichtet wurde, beziehungsweise aus unserer Sicht falsch berichtet wurde.
Wie lief die Demo ab?
Auf der Demoroute gab es viele Stationen, die mit unserer Lebenssituation zu tun hatten: Mit unseren Ängsten, unseren negativen Erfahrungen, wie zum Beispiel dem Verschweigen von Homosexualität in der Schule, dem auf Heterosexualität bezogene Sexualkunde-Unterricht und die Verweigerung in den Schulen andere Themen aufzugreifen oder die sogenannten „Rosa Listen“.
Wir waren zum Beispiel bei dem ehemaligen Polizeirevier in der Goethestraße, das auch das Gestapo-Zentrum in der NS-Zeit war. Es gab auch nach der NS-Zeit noch die „Rosa Listen“, in denen notiert wurde, wer homosexuell war. Das war ein Erbe der NS-Zeit, aber der Anfang der Listen soll bis ins 19. Jahrhundert zurückgehen
Wir waren auch bei der Kirche. Traditionell machen wir beim CSD einen Stopp und verschiedene Aktionen beim Erzbischöflichen Ordinariat. Meiner Meinung nach haben wir das begründet.
Die einzelnen Stationen und Themen setzten sich mit der Benachteiligung oder zum Teil auch Verfolgung auseinander. Der Paragraph 175 war zum Beispiel Thema auf der Stonewall-Demo, denn zu der Zeit hatte er noch Bestand.
Welche Rolle spielte der Paragraph 175, der Homosexualität kriminalisierte, für die gesellschaftliche Stigmatisierung homosexueller Menschen?
Ich glaube, er hat für Schwule und Lesben eine gleichermaßen wichtige Rolle gespielt. Ebenso hat er eine große Rolle für die Bilder in der Gesellschaft von Lesben und Schwulen, Frauen und Männern und Sexualität gespielt. Wenn eine Gesellschaft eine Ordnung hat, Gesetze und so weiter, dann hat das Auswirkungen auf die Vorstellungen, die in der Gesellschaft bestehen. Wenn es ein Gesetz gegen Schwule gibt, das besagt, dass schwule Handlungen strafbar, böse, schlimm sind, hat das eine Auswirkung auf die Gesellschaft. Ich glaube, dass der Paragraph 175 auf der einen Seite eine Folge dieser gesellschaftlichen Bilder war, aber auf der anderen Seite ein ganz starkes Mittel, um weiterhin Vorurteile zu transportieren und zu festigen.
Ich möchte aber auch den lesbischen Aspekt beleuchten. Denn ich glaube, dass die Verfolgung von Lesben im Zusammenhang mit dem Paragraphen 175 eine andere war. Eine, die Männer eine eigene Sexualität, ein eigenes Leben und eigene Bedürfnisse zugestanden hat und Frauen nicht. Das ist auf der einen Seite für die Schwulen, die betroffen waren vom Paragraphen 175, dramatisch: Sie kamen ins Gefängnis, litten über diese Zeit hinaus und auch überhaupt von Strafe bedroht zu sein, ist ein massiver Eingriff. Aber es zeigt auch, dass die Lebensbedingungen anders waren und das Zugeständnis an eigene Bedürfnisse, an eine eigene Sexualität, den Frauen nicht gemacht wurden. Insofern blieben sie zwar von der Strafverfolgung verschont, aber die gesellschaftliche Verfolgung, Diskriminierung oder Einordnung war eine andere. Beispielsweise wurde lesbischen Müttern die Kinder entzogen. Das ist ein Thema, das kaum diskutiert, geschweige denn aufgearbeitet wurde.
Darüber hinaus gab es auch Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland. In der DDR wurde der Paragraph 175 früher abgeschafft, während er in der BRD erst nach der Wiedervereinigung aufgehoben wurde.
Welche Bedeutung hatte die Stonewall-Demo für die LGBTQ*-Community in Freiburg?
Es war ein ganz bedeutendes Ereignis, weil Homosexualität bis dahin nicht öffentlich thematisiert wurde. Schwulsein existierte höchstens in negativer Form in der Öffentlichkeit. Lesben existierten dort überhaupt nicht. Deshalb glaube ich, dass es für die Leute, die teilgenommen haben, extrem wichtig war zu sehen, dass es etwas gibt – ein großes Ereignis, das einen Tag füllt mit einer Demonstration. Es war ein ausgedehntes Wochenende mit einer starken Präsenz, was für uns wichtig und auch schön war.
Was hat sich seit der Stonewall-Demo verändert, beispielsweise in Bezug auf die Inhalte oder den politischen Gehalt? Der damalige Begriff Demo impliziert ja eher etwas Politisches, während die heutigen Begriffe CSD und Pride eher mit Paraden assoziiert werden.
Ja, das war lange ein Thema, aber in den letzten Jahren ist der CSD wieder politischer geworden. Noch vor ein paar Jahren war er nicht zu vergleichen mit den CSDs oder Demos in den Anfangsjahren. Damals war der Zweck oder die Motivation klar: Wir wollen auf die Straße. Wir wollen Forderungen stellen. Wir wollen auf Missstände hinweisen. Natürlich wollten wir auch sichtbar sein, aber es ging primär um Missstände und um Forderungen.
Viele sagen, und ich finde sie haben auch recht, dass es auch ein öffentliches Feiern sein soll. Sie sagen, dass es darum geht, Raum einzunehmen oder einfach zu feiern. Das ist legitim. Aber das Gleichgewicht hat sich verändert.
Diese Spannung zwischen der politischen Demonstration und der feierlichen Parade war von Anfang an da. Es gab immer Leute, die politisch sein wollten und andere, die einfach feiern wollten. Das prägt den CSD bis heute.
Welche Herausforderungen sehen Sie für die LGBTQ*-Community?
Ich sehe viele Herausforderungen. Ich fange mal mit der dramatischsten an: Die politische Entwicklung. Ich will nicht schwarzmalen, aber ich mache mir Sorgen, weil es rechte Parteien gibt, die AfD, die immer stärker wird. Ebenso haben sich der Diskurs und das Sagbare in der Gesellschaft verschoben. Das macht mir große Sorgen, für die ganze Gesellschaft, unabhängig vom Aktivismus. Das, was jahrelang so weit weg schien – Listen und Akteure, vor denen wir Angst haben sollten – taucht jetzt wieder am Horizont auf. Die Möglichkeit, dass es eine politische Entwicklung gibt oder dass es Parteien gibt, vor denen wir Angst haben müssen, ist das Worst-Case-Szenario. Ein Szenario mit dem wir uns befassen müssen. Es gibt Ängste in meiner Generation. Da wir mit Rosa Listen sozialisiert wurden, mit einem Staat und Behörden, die homophob sind und von denen Gefahr droht.
Und wenn wir nicht so negativ denken und hoffen, dass sich die Situation wieder verbessert, gibt es viele Themen die wichtig sind. Da ist das Selbstbestimmungsgesetz und das Thema trans, mit dem Vorwurf der Transphobie auf der einen Seite der Community und den Vorwürfen gegen diese „Transpropaganda“ auf der anderen.
Das sind extreme Positionen zu einer Auseinandersetzung von Transsexualität, Transidentität und überhaupt geschlechtlicher Identität. Wir haben damals geschrieben „bringt den Heterroismus zu Fall“, also Heteronormativität, aber wir nannten es Heterrorismus. Eigentlich geht es dabei um Geschlecht – also was bin ich als Mensch, welches Geschlecht weist mir die Gesellschaft zu, muss ich mich als Frau oder Mann identifizieren und wen darf ich lieben.
Im Grunde ist die aktuelle Diskussion um trans oder Nicht-Binarität und wie viele Geschlechter sichtbar sein dürfen, immer dieselbe Thematik. Für mich als feministische Aktivistin sind das die Themen des Feminismus. Es geht darum, wer ich bin und wie ich mich in der Welt bewegen kann, was ich als die Person, die ich bin, darf. Alles ist mit diesem Geschlecht verknüpft.
Es gibt ja auch innerhalb der Community Uneinigkeit, wenn es um die Außenwirkung geht. Also inwiefern man sich in der Selbstdarstellung zurückhalten sollte, um nicht auf negative Reaktionen aus der Gesellschaft zu stoßen.
Ich finde das eine wichtige Frage und würde nicht sagen: „Bitte benehmt euch ordentlich, macht die Musik leiser und zieht euch richtig an. Wir wollen hier ein politisches Thema transportieren.“ Es ist doch schön zu sagen „ja wir feiern uns“, aber dann muss das Politische eben auch da sein. Denn es gibt ganz viele Sachen, die auf der Agenda stehen.
Ich finde auch, „Paradiesvögel“ dürfen sein. Wir leben ja in einer vielfältigen Gesellschaft. Wir erschrecken niemanden, wenn jemand in Federboa und nur mit Hose oder ohne Hose und mit Federboa erscheint. Trotzdem sind mir mehr politische Inhalte oder Reden wichtig. Es ist für mich kein Widerspruch, aber das Politische braucht meiner Meinung nach mehr Gewicht.
Dominique Schirmer hat 1989 an der Demo teilgenommen, sie mit organisiert und die Eröffnungsrede gehalten. Die Soziolog:in arbeitet an der Universität Freiburg.
Quelle: www.unicross.uni-freiburg.de/vom-aufstand-zur-demonstration/
CSD 1989
In den 80er, 90er und frühen 2000er Jahren hatte nicht jede größere Stadt in Baden-Württemberg wie heute ihre eigene CSD Parade. Stattdessen wanderte der Südwest-CSD jedes Jahr an einen anderen Ort. 1989 war die Parade, damals noch unter dem Namen ,,Stonewall- Schwule und Lesben Demo“, zum ersten Mal in Freiburg.



















