Als es 1969 zu den andauernden und blutigen Aufständen in der New Yorker Christopher Street, den sogenannten „Stonewall Riots“ kam, wurde der weltweite Grundstein für eine offene und öffentlichkeitswirksame Schwulenbewegung gelegt.
Anfang der 70er Jahre bildete sich in Freiburg die Gruppe Homosexualität und Gesellschaft, ein lockerer studentischer Zusammenschluss. Sie bildeten sich intern weiter, machten aber auch einige öffentlichkeitswirksame Aktionen. Diese Gruppe lief Mitte der 70er Jahre aus und es entstand ein Vakuum, das erst gegen 1978 mit der Gruppe Freischwul gefüllt wurde. Wieder bildete sich ein privater Kreis von 6-7 Leuten, die erst einmal für sich etwas tun wollten. Man traf sich in privaten Wohnungen, doch die wurden bald zu klein, weil die Gruppe sich schnell vergrößerte. Aus dieser Situation heraus wurde in der Klarastraße hinter dem Café Einstein ein „Schuppen“ aufgetan, die „Lila Klara“, in dem ab etwa 1980 der erste offene Abend stattfand. Er verstand sich bewusst als Gegenpol zur kommerziellen „Szene“.
Nach ein paar Jahren musste der offene Abend aus der Lila Klara ausziehen und zog zuerst in die Fabrik Habsburgerstraße, dann in den alten Wiehre Bahnhof und endlich ins Strandcafé, wo der offene Abend 14-tägig stattfand. Die Gruppe Freischwul rief die erste schwule Filmwoche ins Leben.
1983 wurde von mehreren Studenten aus Freischwul heraus das Rosa Telefon gegründet. Und 1985 hatten einige Männer in Freiburg die Weitsicht und den Mut zur Gründung der Rosa Hilfe. Sie setzten sich Selbsthilfe und Emanzipation zum Ziel und begannen mit der Arbeit, sicherlich ohne zu wissen, was daraus würde und wie es genau weiter gehen sollte. Von eigenen Räumen noch weit entfernt fand der Verein in der Buchhandlung Jos Fritz eine Adresse. Zum Angebot der telefonischen Beratung gesellte sich bald auch eine regelmäßig stattfindende ComingOut-Gruppe sowie Aids-Präventionsarbeit.
Nicht zu vergessen ist jedoch auch die massive Öffentlichkeits- und politische Arbeit, die Informationsstände und Demonstrationen. So kam es zum zwanzigsten Jahrestag der „Stonewall Riots“ am 24. Juni 1989 zur ersten „Schwulen und Lesben Demo“ in Freiburg. Korrespondenzen mit der Stadtverwaltung, dem Oberbürgermeister, dem Datenschutzbeauftragten des Landes und vielen anderen Behörden und Institutionen gaben der Rosa Hilfe bald ein großes politisches Gewicht in Freiburg. Auch im kulturellen Bereich engagierte sich der Verein mit der Veranstaltung von Lesungen und Tanzveranstaltungen wie zum Beispiel dem „Rosa Tuntenball“.
Als die Aids-Hilfe im Jahr 1990 in größere Räumlichkeiten umzog eröffnete sich für die Rosa Hilfe die Möglichkeit eigener Vereinsräume. Im Herbst zog der Verein in die Eschholzstraße 19, wo die aktiven Mitglieder und der Vorstand den notwendigen Platz und Rahmen für die weiterführende Arbeit fanden. Ein Jahr darauf „erschien“ das erste Schwul in Freiburg, was in seinen Anfängen ein zweiseitig bedrucktes A5-Blatt mit Adressen und Terminen der Freiburger Szene war. Größere Ankündigungen und Veranstaltungshinweise fanden ab Herbst 1993 ihren Platz. Das dann vier Seiten umfassende Faltblatt erhöhte seine Auflage auf 300. Und in jeder Ausgabe gab es bald auch einen redaktionellen Beitrag. So titelte das „Schwul in Freiburg“ im Juli 1994: „Schwule und Politik – ein Paradox?“ und stellte fest: „Eine Schwanzlänge weit denken reicht nicht.“ In den kommenden Jahren schien mit jeder Ausgabe die Schriftgröße kleiner zu werden bis es sich im Laufe der Zeit vom Faltblatt zum Informations- und Veranstaltungsmagazin wandelte.
Allgemein wandelte sich mit den Jahren die Rosa Hilfe zum größten schwul-lesbischen Verein und einem der Hauptinitiatoren der Szene. Eine ursprünglich rein schwule Privatparty wurde von der Hilfe übernommen und entwickelte sich zur erfolgreichsten schwul-lesbischen Partyreihe Freiburgs „SchwuLesDance“, die bis heute hunderte Besucher in die Gaststätte Waldsee lockt.
Aus den zahlreichen Aktivitäten und Gruppen der Rosa Hilfe entstanden in den zurückliegenden fünfundzwanzig Jahren zahlreiche eigenständige Gruppen und Vereine wie die Schwule Filmwoche Freiburg e.V. und die Volley-Vous, Freiburgs schwul-lesbischer Volleyball-Verein. Regelmäßig unterstützt die Rosa Hilfe auch die verschiedensten Gruppierungen im finanziellen sowie ideellen Bereich und ist bis heute einer der kulturellen, politischen und beratenden Hauptansprechpartner der Stadt.
Mit dem Umzug auf das Grether-Gelände im Jahr 2006 hat die Rosa Hilfe den Grundstein für ein in der Freiburger Szene seit langem verfolgtes Ziel geschaffen: die Schaffung eines queeren Zentrums. So wie sich die Akzeptanz und Toleranz gegenüber homosexuellen Lebensweisen in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren verändert haben, so hat sich auch die Rosa Hilfe, die in Freiburg einen großen Beitrag dazu geleistet hat, zu Freiburgs wohl wichtigster Institution der Szene entwickelt und kann daher mit Freude und auch ein wenig Stolz das Jubiläumsjahr beschreiten.
Im Rahmen der Viertel-Jahrhundert-Feierlichkeiten wird es neben anderen zahlreiche Veranstaltungen am 17. Juli auch ein Jubiläums-SchwuLesDance geben. Am 23. Juli wird es dann mit Sebastian Reiß eine „best of Schwule Büchernacht – Lesung unterm Sternenhimmel“ im Jos-Fritz-Café in der Wilhelmstraße mit anschließenden Freitagscafé der Rosa Hilfe geben. Des Weiteren ist auch ein großes Jubiläumsfest in Planung. Näheres dazu und zum gesamten Programm der Jubiläumsfeierlichkeiten folgen in den nächsten Wochen und Monaten. | ab
25 Jahre Rosa Hilfe – 27 Jahre Beratungsarbeit
Feiert die Rosa Hilfe Freiburg in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen, so gibt es das Rosa Telefon, das vertrauliche Beratungsangebot von Schwulen für Schwule sogar noch länger, nämlich seit 1983. Es war quasi der Vorläufer des Vereins, der sich dann gründete, um möglichst viele Bereiche des schwulen Lebens abzudecken. In den frühen Jahren spielte das Thema Diskriminierung und Ausgrenzung, gerade auch im Zusammenhang mit HIV/AIDS, eine zentrale Rolle, auch die Emanzipation der Schwulen war noch voll im Gange.
In den folgenden Jahren spielte die Beratungsarbeit immer eine wichtige Rolle, wurden Coming-Out- Gruppen durchgeführt, viele Jahre rein ehrenamtlich, seit 2005 ist die Beratung mit einer 220€-Stelle erstmals auch „professionell“ besetzt.
Die Themen der Beratungsarbeit haben sich in dieser Zeit weniger verändert als die Gesellschaft insgesamt. Immer noch geht es um Hilfen beim Coming-Out, um Themen wie Bisexualität, Transgender, verheiratet und schwul, psychische Probleme, Angebote in und um Freiburg usw.
Ein wichtiger Unterschied ist aber zum Beispiel, dass immer früher Hilfe bei diesem Thema in Anspruch genommen wird. Waren die Ratsuchenden früher meist Erwachsene, so sind heute Anfragen schon ab 14/15 Jahren keine Seltenheit. Was sich übrigens auch in der Teilnehmerstruktur der schwul-lesbischen Jugendgruppe Rosekids e.V. niederschlägt. Neu ist auch, dass viele Lehrkräfte, Pädagogen, Eltern sich melden, das kam in den frühen Jahren eher selten vor. Und schließlich hat sich die Beratung auch Frauen geöffnet, eine Entwicklung, die in den Anfängen der Rosa Hilfe sicherlich fast undenkbar war, da zu diesen Zeiten Schwulen- und Frauen-/Lesbenbewegung ziemlich voneinander getrennt waren.
Oft werden wir gefragt, ob in Zeiten der rechtlichen Gleichstellung eine Beratungsarbeit in dieser Art überhaupt noch notwendig ist. Klare Antwort: Leider ja, denn Diskriminierung und Ausgrenzung findet weiterhin statt, in der Familie und in der Gesellschaft und das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben, auch wenn gerade jüngere Menschen heutzutage oft deutlich entspannter mit dem Thema Homosexualität umgehen.
Eine sehr wichtige Grundlage in unserer Beratungsarbeit ist die Vertraulichkeit. Niemand erfährt etwas von den Gesprächsinhalten, wir Mitarbeiter unterliegen einer Schweigepflicht. Erst so wagen viele den Schritt in die Rosa Hilfe – auf ausdrücklichen Wunsch werden die Gesprächstermine aber manchmal auch an einen „neutralen“ Ort verlegt.
Als Autor dieser Zeilen blicke ich auf eine ca. 12-jährige Erfahrung als Berater und Coming-Out-Gruppenleiter zurück. Ich habe in diesen Jahren viele Menschen kennen gelernt, viele Probleme mitbekommen, aber auch viele Lösungen und Fortschritte auf dem Weg in ein glückliches Leben als schwuler Mann oder als lesbische Frau. Es haben sich daraus auch Freundschaften und gute Bekanntschaften entwickelt und Mancher wurde gewonnen für ein Engagement in der Rosa Hilfe. Immer hatte ich den festen Eindruck, etwas Sinnvolles zu tun und habe auch viel Freizeit gerne dafür „geopfert“.
Als Ausblick in die Zukunft stelle ich mir vor, die Themenfelder Coming-Out, physische und psychische Gesundheit noch enger miteinander zu verknüpfen, denn sie hängen eng zusammen. Hierbei ist die Netzwerkarbeit sehr wichtig, aber auch die Ausstattung des Beratungsbereichs. Um wirklich kontinuierliche, professionelle Arbeit zu machen, müssen Mittel für fachlich kompetente MitarbeiterInnen vermehrt erschlossen werden, denn rein ehrenamtlich ist zwar viel, aber manchmal nicht genug, erreichbar. | rs
Quelle: SiF-Magazin April/Mai 2010
