25 jahre – und die arbeit geht weiter
Emsiges Treiben in den Räumen der AIDS-Hilfe Freiburg e.V. Es ist Montagabend und das Angebot einen HIV-Schnelltest machen zu lassen, wird rege genutzt. Das Angebot ist relativ neu, wird aber schon sehr gut angenommen. Und es reiht sich ein in die bunte Palette an Angeboten, die die AIDS-Hilfe Freiburg seit 25 Jahren anbietet.
Als 1981 die ersten Fälle von AIDS in Amerika bekannt wurden, war die Unsicherheit vor dieser un bekannten Krankheit noch groß. Sie betraf größtenteils die Schwulen, weswegen sie auch ketzerisch als die „Schwulenseuche“ betitelt wurde. Ein entsprechender Bericht im Magazin „Der Spiegel trug 1983 dann zu einer Massenhysterie in Deutschland bei. Als die ersten Fälle in Freiburg auftauchten, begann man sich zusammen zu schließen, und so kam es im Oktober 1985 dazu, dass Aktivisten aus der Schwulenszene und Betroffene sich zusammentaten, um die AIDS-Hilfe Freiburg e.V. zu gründen. Zuerst nur mit Beratung und Betreuung von Betroffenen beschäftigt wurden die Angebote über die Jahre zunehmend erweitert, sowie auch das Klientel und dessen Bandbreite gewachsen ist. Waren es anfangs fast nur Schwule, die zu den Beratungen kamen so weitete sich die Zielgruppe mit den Jahren immer mehr aus. Angebote für Drogengebrauchende, SexarbeiterInnen, Inhaftierte wurden geschaffen – die Präventionsarbeit an Schulen, Universitäten und in den verschiedensten Szenen wurde angeboten – bis hin zu Wohngruppen und einem Hospiz für Betroffene. Ein breitgefächertes Angebot für viele Lebenslagen und Zielgruppen.
Die AIDS-Hilfe Freiburg hat sich in den letzten 25 Jahren von der Selbsthilfe zu einer selbständigen Organisation entwickelt, die sich heute schwerpunktmäßig auf die Prävention und Beratung konzentriert. Derzeit arbeiten hier 8 hauptamtliche Kräfte und eine Honorarkraft, unterstützt von regelmäßig 2 bis 3 PraktikantInnen aus den Bereichen Eventorganisation, Sozialpädagogik und Sozialarbeit sowie der Sozialwirtschaft. Ergänzt und eigentlich erst möglich macht diese Angebotsdichte das Team von ca. 30 bis 40 Ehrenamtlichen, die sich in den Bereichen Prävention, Beratung und Selbsthilfe engagieren. Seit 2004 gibt es auch ein Kuratorium von Persönlichkeiten aus der Politik, der Wirtschaft, der Stiftungsverwaltung und auch der Kunst (u.a. Cécile Verny, Kerstin Andreae, Ulrich von Kirchbach, Dr. Klaus Schüle und viele mehr), die den Vorstand und die Geschäftsführung in Finanzfragen, der Ausrichtung der Arbeit beraten und den Verein und seine Arbeit repräsentieren.
Viele Event-Highlights prägen die 25jährige Geschichte. Seit über 20 Jahren wird die AIDS-Hilfe Freiburg z.B. vom Theater der Stadt Freiburg unterstützt, mit Benefizgalas und Sammelaktionen. Das 20jährige Jubiläum mit Großaktionen auf dem Münsterplatz mit der Gruppe PANOPTIKUM und einem Auftritt von Georgette Dee im großen Saal des Stadttheaters ist vielen in Erinnerung geblieben. Die regelmäßigen Aktionen zum Welt-AIDS-Tag und der beliebte und berühmt-berüchtigte Ball VerQueer, der seit 13 Jahren im E-Werk stattfindet. Aktionen, die auf die immer noch unheilbare Krankheit, deren Verbreitung und Vermeidung und die Zustände der Betroffenen aufmerksam machen.
Denn der Kampf ist nicht zu Ende. Immer noch sterben derzeit geschätzte 600 Menschen in Deutschland und 2,1 Mio. Menschen weltweit an AIDS und die HIV-Infektionszahlen belaufen sich auf ca. 3000 Menschen jährlich in Deutschland. Die AIDS-Hilfe Freiburg bleibt genauso notwendig heute, wie vor 25 Jahren. Unsere Unterstützung ist weiterhin gefragt ! | jtw
„Vom Sterbebegleiter zum Lebensbegleiter“
Wie hat die Arbeit der AIDS-Hilfe Freiburg e. V. vor 25 Jahren begonnen?
Mit einer Zeitverschiebung von ca. drei Jahren kam AIDS auch in Freiburg an. Die ersten HIV-Diagnosen wurden gestellt. Den Betroffenen wurde eine verbleibende Lebenserwartung von sechs bis zwölf Monaten in Aussicht gestellt. Als Reaktion darauf bildete sich eine erste Selbsthilfegruppe, bestehend aus Betroffenen und schwulen Aktivisten. Ein erstes regelmäßiges, telefonisches Informations- und Beratungsangebot wurde zunächst in privater Wohnzimmeratmosphäre eingerichtet. In einem nächsten Schritt wurde die Bevölkerung, mittels in der Fußgängerzone aufgebauter Informationsstände, über die Infektionsrisiken aufgeklärt.
Damals gab es ja noch keine Therapieangebote?
Nein, die ersten wirklich wirksamen Kombitherapien konnten erst 1994 eingesetzt werden. Davor gab es einzelne Substanzen die der Infektion kaum Einhalt gebieten konnten. Im Vordergrund stand damals die medizinische Aufklärung und damit die Bekämpfung der vorherrschenden Verunsicherung und Hysterie. Gleichzeitig galt es der Diskriminierung und Stigmatisierung der Betroffenen entgegenzuwirken. Insbesondere war es zwingend notwendig, gegen eine menschenverachtende Politik der Ausgrenzung politisch Flagge zu zeigen.
Für viele Betroffene wurde die AIDS-Hilfe zum einzigen Ort, wo man sich offen und ohne jegliche Vorbehalte austauschen konnte. Zur größten Herausforderung wurde die Kranken- und Sterbebegleitung der Betroffenen. Enorme Unterstützung fanden wir in dieser Zeit durch viele ehrenamtlichen Helfer und Aktivisten. Für uns alle war die ständige Konfrontation mit Sterben und Tod ein Gefühl des gemeinsamen, permanenten Über-Sich-Hinaus-Wachsens. Diese Zeit bleibt uns in Erinnerung in dem Gefühl, dass wir – Betroffene und Helfer gemeinsam – in einem Boot namens AIDS-Hilfe, saßen. Eine Veränderung ergab sich nach 1996 mit der Entwicklung der hochwirksamen HAART (highly active anti-retroviral therapy).
Was hat der medizinische Fortschritt für die Patienten gebracht?
Die einschneidendste Veränderung war, dass die vormals „zum Tod geweihten“ zurück ins Leben finden mussten. Viele hatten aufgrund der in Aussicht gestellten zeitlich begrenzten Lebensperspektive ihre Arbeit verloren, ihre Ersparnisse aufgebraucht und sich mit dem nahenden Tod abgefunden. Mit der Möglichkeit der HAART wurde für die meisten der Weg zurück ins Leben geebnet; zum prägenden Synonym hierfür wurde der Begriff der „Normalisierung“. Drastisch ausgedrückt bedeutete dies für unsere Arbeit den Wandel weg vom Sterbebegleiter hin zum Lebensbegleiter. Oftmals mühsam mussten die Betroffenen lernen mit den geschenkten Jahren umzugehen und diese sinnvoll zu gestalten. Die erfolgreichen Therapieangebote bedeuteten somit Fluch und Segen zugleich. Mit dem medizinischen Erfolg kam es zu schweren Langzeitnebenwirkungen aufgrund der permanent erforderlichen Medikamenteneinnahme. Außerdem mussten die materiellen und sozialen Voraussetzungen für ein „normales Leben“ neu geschaffen werden. Heute haben wir einen Therapiestandard erreicht der Menschen mit HIV und AIDS trotz chronischer Krankheit medizinisch ein annähernd normales Leben ermöglicht.
Also ist heute ein annähernd normales Leben mit HIV möglich?
Ja, in Ansätzen ist ein normales Leben möglich. Die Erkrankung führt aber immer noch zu individuell stark unterschiedlich ausgeprägten Einschränkungen. Besonders im Lebensalltag droht Menschen mit HIV und AIDS weiterhin die soziale Ausgrenzung wie z. B. auf der Suche nach einer Partnerschaft oder bei der beruflichen Karriereplanung.
Wie kann die AIDS Hilfe dabei helfen?
Es ist weiterhin unsere zentrale Aufgabe die Menschen mit Ihren Problemen und Bedürfnissen von da abzuholen, wo sie im Moment der Kontaktaufnahme stehen. Unser Hilfeangebot hat sich individuell nach der aktuell gegebenen Lebenssituation der betreffenden Person auszurichten. In aller Regel geht es zunächst um eine akute Krisenintervention. Danach gilt es die Lebenssituation der Hilfesuchenden möglichst auf Dauer zu stabilisieren. Die Aufgaben sind vielfältig. So gilt es medizinische Informationen zu Fragen der Therapie und möglicher Langzeitnebenwirkungen zu geben; zudem nehmen aufenthalts-, arbeits- und sozialrechtliche Fragestellungen weiterhin einen großen Raum ein. In Einzelfällen werden auch konkrete finanzielle Hilfen notwendig.
Gesellschaftlich wird HIV und AIDS weiterhin weitestgehend tabuisiert. Daher ist die psychische und soziale Belastung für Betroffene und Angehörige auf Dauer enorm hoch. Oft führt dies zu sozialer Isolation und zu depressiven Folgeerkrankungen. Hinzu kommt, dass die chronische Infektion und die Angst vor Erkrankung, mangelnde empathische Unterstützung und steigende Belastungen in Beruf und Alltag zu anhaltenden Burn-Out Reaktionen führen.
Dem allem aktiv entgegen zu wirken bleibt auch im Jahr 2010 eine große Herausforderung für uns und unsere Arbeit.
Ulrike Hoffmeister, Geschäftsführung
Roland Bücheler, Fachbereich Beratung & Betreuung
Quelle: SiF-Magazin (Februar/März 2010)
