
Zeit des Erinnerns (SiF-Magazin 06/2010)
Von Zeit zu Zeit sollte man im Tagesgeschäft mal kurz innehalten, sich umschauen und auf Vergangenes, Erreichtes und Nicht-Erreichtes zurückblicken. Keine Sorge – hier wird nicht die Rede sein von der letzten oder der nächsten Kranzniederlegung. Es kommen aber in diesem Jahr so viele bemerkenswerte Jubiläen und Aktivitäten zusammen, dass wir 2010 kurzerhand zum „Jahr des Erinnerns“ ausgerufen haben.
Sehr schön und informativ wurden uns in den ersten beiden Ausgaben des Schwul in Freiburg bereits das 25 jährige Jubiläum der Aids-Hilfe Freiburg und natürlich unser eigenes 25 Jähriges vor Augen geführt. Wir schreiben aber nicht nur darüber, sondern wir wollen natürlich auch mit Euch gemeinsam feiern: Am 17. Juli gibt es das Jubiläums-SchwuLesDance am Waldsee mit tollen DJs, vielen Überraschungen und vor allem einem „Markt der Möglichkeiten“, zu dem wir befreundete Gruppen aus Freiburg und der Nachbarschaft einladen werden.
Wir richten den Blick aber auch noch weiter zurück, in zum Glück überwundene Zeiten, in denen es unseren schwulen „Vorfahren“ nicht so gut ging wie uns heute. Dazu wurde auf unserer Mitgliederversammlung am 12. März extra ein Vorstandsressort „Historische Erinnerungsarbeit“ eingerichtet, das die bereits vorhandenen Aktivitäten vernetzen und weitere Aktivitäten anregen und umsetzen soll.
Ein erstes Ergebnis davon ist ein Podcast, der am 15. März in der Rosa Hilfe produziert wurde. Rudolf Brazda, geboren 1913, erzählt darin über sein Leben als Homosexueller während der Weimarer Republik, der Nazi-Zeit und sein Leben nach seiner Befreiung aus dem KZ Buchenwald. Er wohnt heute im Elsass und ist vermutlich der letzte noch lebende Rosa Winkel-Häftling. Dieser äußerst interessante Beitrag ist auf der Website der Rosa Hilfe unter
„podcasts“ zu finden.
Eine weitere, schöne Frucht unserer Anstrengungen ist eine gemeinsame Veranstaltung der Stadt Freiburg mit der Rosa Hilfe, in der die Forschungsarbeit unseres Mitgliedes Bill Schaefer über Opfer des § 175 in der Nazi-Zeit in feierlichem Rahmen im Winterer-Foyer des Stadttheaters vorgestellt wird. Durch den Ort und die Teilnahme des Bürgermeisters Ulrich von Kirchbach wird auch die Wertschätzung deutlich, die der Rosa Hilfe von Seiten der Stadt entgegengebracht wird. Dies wäre aber undenkbar ohne die über zehnjährige Forschungsarbeit von Bill Schaefer!
Bills Arbeit hat auch die Grundlage geschaffen für die Verlegung zweier weiterer Stolpersteine, die der Kölner Künstler Gunter Demnig am 12. Juli in Freiburg für Fritz Hauser und Edwin Rümmele verlegen wird. Orte und Zeiten werden noch auf unserer Website bekanntgegeben. Gemeinsam mit den im Herbst 2005 verlegten Steinen für Erich Mäder (Jahnstr. 6) und Franz Winterhalter (Fürstenbergstr. 7) wird es damit vier Steine für Opfer des § 175 in der Nazi-Zeit geben.
Wenn wir in die Vergangenheit schauen, möchten wir den Blick aber nicht ausschließlich auf diejenigen „Vorfahren“ richten, die in der Nazi-Zeit verfolgt und vielfach leider auch ermordet worden sind. Man muss es mit Erschütterung sagen: Der 8. Mai 1945, das Ende von Krieg und Naziherrschaft, war für die homosexuellen Männer nur bedingt ein Tag der Befreiung. Der § 175 galt in der 1935 verschärften Form weiter, bestätigt durch Bundesgerichtshof und Bundesverfassungsgericht! Es gab bis 1969 keinen politischen und gesellschaftlichen Willen, ihn abzuschaffen oder abzuschwächen. Schwule Männer wurden weiterhin denunziert, verfolgt, in Gefängnisse und Zuchthäuser gesperrt. Dies geschah oft durch dieselben Polizisten und Richter, die sie schon vor 1945 verfolgt hatten. Existenzen wurden vernichtet, nicht wenige in den Selbstmord getrieben. In der gesamten Geltungszeit des § 175 gab es die meisten Verurteilungen im Jahr 1959! Zugespitzt könnte man sagen: Die Adenauerzeit war für uns Schwule wie die NS-Zeit, nur ohne KZs.
Schwule Zeitzeugen aus Freiburg, die von den 50er- und frühen 60er-Jahren berichten könnten, kennen wir leider nicht. Wir haben aber – sogar in unseren eigenen Reihen – Zeitzeugen der spannenden ausgehenden 60er, die wiederum Freunde zu interviewen begonnen haben. Ein nächstes Projekt wird also sein, diese Zeugnisse zu sammeln und weitere Zeitzeugen zu finden. Es muss dabei nicht ausschließlich um Verfolgung gehen. Vielmehr ist die sich langsam entwickelnde Szene mit ihren zunächst verborgenen, später dann immer offeneren Orten, Gruppen, Vorbildfiguren ein spannender Forschungsgegenstand. Im besten Fall entsteht eine lebendige Chronik der Freiburger Homos, die bis zum heutigen Tag reicht.
Womit sich der Kreis schließt. Denn auch die Rosa Hilfe Freiburg e.V. hat in ihren Reihen in den letzten 25 Jahren Persönlichkeiten gehabt, die Bemerkens- und immer noch Bedenkenswertes zu Papier und zum Vortrag gebracht haben, beispielsweise zum 10. und 20. Geburtstag. Die Suche in unseren Archiven hat begonnen, der Selbsthistorisierung sind Tür und Tor geöffnet. Wir freuen uns über jede/n, der und die dazu etwas beitragen möchte, seien es Dokumente, seien es Erinnerungen an unsere Frühzeit. Meldet euch per Post oder Email beim Vorstand oder sprecht uns an. Wir werden alle Interessierten und alles Material zusammenführen und dann sehen, wie weit Manpower und finanzielle Möglichkeiten reichen, ob für eine Veranstaltung, ob für eine Veröffentlichung. Der Vorstand der Rosa Hilfe ist für alles offen und freut sich über Eure Beiträge. Erinnert Euch! | dsb