Wissenschaftlich-humanitäres Komitee (1897-1933)

Das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) war der erste kollektive Versuch in der Geschichte, die Öffentlichkeit über Homosexualität aufzuklären und sich gegen antihomosexuelle Strafgesetze zu organisieren. Es wurde im Mai 1897 durch Magnus Hirschfeld, Max Spohr, Eduard Oberg und Franz Joseph von Bülow gegründet.

Die Berliner Zentrale (1897–1933)

Das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee wurde am 15. Mai 1897 (vier Tage vor Oscar Wildes Haftentlassung) von Magnus Hirschfeld zusammen mit dem Verleger Max Spohr, dem Juristen Eduard Oberg und dem Kolonialschriftsteller Franz Joseph von Bülow in Hirschfelds Wohnung in der Berliner Allee 104 (heute Otto-Suhr-Allee) in Charlottenburg (heute Berlin) gegründet. Das Komitee diente den Zwecken, eine Zeitschrift zur Homosexualität zu publizieren, Volksschriften zu veröffentlichen und eine kritische Öffentlichkeit für die Streichung des Paragraphen 175 zu mobilisieren, der beischlafähnliche Handlungen unter Männern mit Gefängnis bedrohte. Regelmäßige Veranstaltungen des WhK in Form von Vorträgen und musikalischen Darbietungen in Berlin, an denen auch Angereiste aus anderen Orten in Deutschland und dem europäischen Ausland teilnahmen, ermöglichten den Mitgliedern ein gewisses Maß an sozialem Leben untereinander. Ebenso wurde ab etwa 1904 eine WhK-Bibliothek aufgebaut, die allen Mitgliedern unentgeltlich als Leihbücherei zur Verfügung stehen sollte. Neben anderen schlossen sich Adolf Brand, Benedict Friedlaender, Kurt Hiller, Hugo Marcus und Eduard Bertz der Organisation an. Stellvertreter von Magnus Hirschfeld im WhK war von 1905 bis zum Ersten Weltkrieg der Berliner Arzt Georg Merzbach.

Im WhK gab es ab 1904 Bestrebungen, eine Art kollektives Führungsgremium zu bilden. Es erhielt zunächst die Bezeichnung „Obmännerkommission“ und bestand aus sieben Personen. Später wuchs die Zahl auf siebzig Mitglieder. Sie wohnten und wirkten in Ländern wie Belgien, China, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Niederländisch-Indien (Indonesien), Österreich, Polen, Russland, Schweden, der Schweiz, Spanien und der Tschechoslowakei. Ab 1911 hatte das WhK auch einige wenige „Obfrauen“, die jedoch nicht so genannt wurden; selbst die neutrale Bezeichnung „Obleute“ wurde nicht verwendet.

Als zentrales Versammlungslokal des frühen WhK diente das Hotel-Restaurant Zum Altstädter Hof gegenüber der Marienkirche in Berlin-Mitte (damals Alt-Berlin), das um 1886 als jüdisch-orthodoxes Hotel gegründet und erbaut worden war. Nach 1919 war das WhK eng mit Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft verbunden. Von diesem übernahm es eine Reihe wissenschaftlicher Theorien, die allesamt darauf hinausliefen, Homosexuelle als ein biologisch „drittes Geschlecht“ zwischen Mann und Frau zu konstruieren. Ihr Ziel war es, durch den Nachweis des Angeborenseins der Homosexualität das Strafrecht für unanwendbar zu erklären, doch die Art der Theoriebildung geriet bereits in der Weimarer Republik in eine Außenseiterrolle.

Die biologistische Tendenz, die Hirschfeld dem Komitee gab, stieß innerhalb des WhK von Anfang an auf Widerspruch. Doch erst am 24. November 1929 gelang es seinen internen Konkurrenten, allen voran dem KPD-Funktionär Richard Linsert, Hirschfeld zum Rücktritt zu zwingen. Nachfolger wurde der Sanitätsrat Otto Juliusburger, und Kurt Hiller wurde zum Zweiten Vorsitzenden gewählt. Dritter Beisitzer des neuen Vorstands wurde der Schriftsteller Bruno Vogel. Juliusburger bewirkte in der kurzen Zeit, die bis zur Auflösung des Komitees durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 verblieb, eine Umorientierung des WhK, die es aus seiner wissenschaftlichen Isolation befreite. Statt auf biologische wurde jetzt der Schwerpunkt auf psychologische und soziologische Forschungserkenntnisse gesetzt.

Das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee hatte seinen Sitz in Berlin und Zweigstellen in etwa 25 deutschen, österreichischen und niederländischen Städten. Obwohl es nie mehr als 500 Mitglieder hatte, meist Akademiker und gebildete Leute, gilt es als wichtiger Meilenstein der homosexuellen Emanzipationsbewegung. Die „Massenorganisation“ ihrer Zeit war dagegen der 1923 gegründete Bund für Menschenrecht (BfM) von Friedrich Radszuweit. Teilweise entgegengesetzte Positionen vertrat die Gemeinschaft der Eigenen von Adolf Brand.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Wissenschaftlich-humanitäres_Komitee