Stonewall, kurz für Stonewall-Riots oder Stonewall-Unruhen, war eine Serie von gewalttätigen Konflikten zwischen LGBT-Personen und Polizeibeamten in New York City. Die ersten Auseinandersetzungen fanden in der Nacht zum Samstag, dem 28. Juni 1969 ab etwa 01:20 Uhr statt, als Polizeibeamte eine Razzia im Stonewall Inn durchführten, einer Bar mit homosexuellem und transidentem Zielpublikum in der Christopher Street. Das Ereignis wird von der LGBT-Bewegung weltweit als Wendepunkt im Kampf für Gleichbehandlung und Anerkennung angesehen. Pride-Paraden, im deutschen Sprachraum oft Christopher Street Day (CSD) genannt, haben hier ihren Ursprung.
Welche Rolle spielten Armut, trans Personen und People of Color bei den Stonewall-Aufständen?
Bei den Stonewall-Aufständen spielten marginalisierte Gruppen, insbesondere Menschen in Armut, trans Personen und People of Color (PoC), eine entscheidende und treibende Rolle. Während die damalige Homophilen-Bewegung eher auf ein bürgerliches Erscheinungsbild setzte, waren es vor allem diejenigen, die „nichts zu verlieren hatten“, die den physischen Widerstand anführten. Hier ist eine Aufschlüsselung ihrer Rollen:
1. Die Rolle von Armut und obdachlosen Jugendlichen
Das Stonewall Inn war bekannt dafür, die ärmsten und am stärksten marginalisierten Mitglieder der Community anzuziehen, darunter obdachlose Jugendliche, „Street Kids“ und männliche Prostituierte (Hustler).
- Die „Krieger“ der Straße: Viele dieser Jugendlichen waren von ihren Familien verstoßen worden und überlebten durch Gelegenheitsjobs oder Prostitution auf der Straße. Sie wurden als die „perfekten Krieger“ für die Aufstände beschrieben, da sie durch ihr Leben auf der Straße bereits an Gewalt gewöhnt und rebellisch waren.
- Verteidigung ihres Zuhauses: Das Stonewall Inn war für diese Jugendlichen ein Zuhause. Da sie ohnehin am Rande der Gesellschaft standen, kämpften sie erbittert für den einzigen Ort, der sie akzeptierte.
- Erster Widerstand: Obdachlose Jugendliche waren laut Augenzeugenberichten und dem einzigen bekannten Foto der ersten Nacht maßgeblich an den ersten Handgemengen mit der Polizei beteiligt.
2. Trans Personen und Drag Queens
Trans Personen (damals oft unter dem Begriff „Transvestiten“ zusammengefasst) und Drag Queens standen im Zentrum der polizeilichen Zielscheibe und des daraus resultierenden Widerstands.
- Gezielte Festnahmen: Die Standardprozedur der Polizei sah vor, Personen festzunehmen, deren Kleidung nicht dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entsprach. Trans Frauen und Drag Queens weigerten sich jedoch in der Nacht des 28. Juni, mit den Beamten auf die Toilette zu gehen oder in die Streifenwagen zu steigen.
- Anführer*innen des Protests: Drag Queens und „Flame Queens“ wurden als diejenigen identifiziert, die die erste Salve von Wurfgeschossen auf die Polizei abfeuerten.
- Gründung von STAR: Da trans Personen sich auch nach den Aufständen in Organisationen wie der Gay Liberation Front (GLF) nicht ausreichend repräsentiert fühlten, gründeten Sylvia Rivera und Marsha P. Johnson die Organisation Street Transvestite Action Revolutionaries (STAR).
3. People of Color (PoC)
Die Zusammensetzung der Gäste im Stonewall Inn war ethnisch gemischt und umfasste neben weißen Patrons auch viele Schwarze und hispanische Gäste.
- Zentrale Figuren: Marsha P. Johnson, eine Schwarze „Street Queen“, wird als eine der Personen in der „Avantgarde“ des Widerstands genannt. Auch Sylvia Rivera, die puerto-ricanische Wurzeln hatte, ist eine Ikone dieser Zeit, wobei ihre genaue Präsenz in der ersten Nacht unter Historikern debattiert wird.
- Einfluss anderer Bewegungen: Die Radikalisierung der Gay-Liberation-Bewegung war stark vom Black Power Movement und der Bürgerrechtsbewegung inspiriert. Begriffe wie „Gay Power“ waren direkte Antworten auf „Black Power“.
- Intersektionalität: Die „Houses“ (Häuser), die später in Organisationen wie STAR als Zufluchtsorte für trans Jugendliche dienten, basierten auf Strukturen der Schwarzen und Latino-Queer-Communities.
Trotz ihrer zentralen Rolle bei den Kämpfen sahen sich trans Personen und PoC in den Jahren nach Stonewall oft mit Ausschluss und Diskriminierung innerhalb der LGBT-Bewegung konfrontiert.
