Der Beginn von ,,Schwul in Freiburg”?
Freiburg, im April 1990
Liebes Mitglied, liebe/r FreundIn und FörderIn der Freiburger Rosa Hilfe!
Seit einigen Monaten ist die Idee im Gespräch, anläßlich der Filmwoche nun ein bescheidener Start: eine Art Rundschreiben, wie sie jeder Karnickelzüchter-Verein hat, auch für die Rosa Hilfe. Nicht alle, die durch Mitgliedschaft oder Spenden – insbesondere für die geplanten Räume – ihre Sympathie und ihre Unterstützung gezeigt haben und zeigen, sind unmittelbar in die Arbeit eingebunden. Von dieser Arbeit soll an dieser Stelle zukünftig berichtet werden, aber darüber hinaus auch über Wissenswertes aus dem schwulen Leben unserer heimeligen Heimatstadt.
Dieses Schreiben ist keine in regelmaßigen Abständen erscheinende Publikation, wir bemühen uns auch nicht um aufwendiges Layout, es geht uns tatsächlich nur um die Information.
Seine Sparten könnten sein: Vereinsinterna, Veranstaltungstermine in Freiburg und anderswo, Meinungen und Kommentare zu Freiburgrer Ereignissen und Erscheinungen, Protokolle wichtiger Treffen, ein bißchen Kultur womöglich, Manöverkritik… Der Umfang sollte ein paar Seiten nicht überschreiten, die allen Interessierten offenstehen. Empfänger sollen neben Voll- und Fördernitgliedern auch Leute sein, die uns ohne formellen Mitgliedsstatus unterstützen, des weiteren Gruppen und Institutionen, mit denen wir eng zusammenarbeiten. Es soll eine Art Arbeitsgrundlage sein, die auch Leuten, die nicht an den Freitagabend-Treffs teilnehmen können, eine Informationsgrundlage bieten soll. Daraus ergibt sich, daß es nicht, wie etwa das “Come-out” (Basel) oder das “Raus in Köln” öffentlich ausliegen soll.
Als Anlage zu dieser ersten Ausgabe legen wir das Filmwochen-Programm, den Tätigkeitsbericht für das Jahr 1989 und das Protokoll der letzten Mitgliederversammlung bei.
Zum Schluß noch einmal eine herzliche Einladung zur Filmroche, insbesondere zum Eröffnungsfest am 3. April mit Hannelore Lübeck, Sekt und einen Videofilm aus Hamburg, frisch von der Berlinale, und zu den Diskussionsvorführungen am Samstag (7.4.: Berliner Kurzfilme) und Sonntag (8.4.: Safer-Sex-Spots Wieland Speck).
Für Vorstand und Gruppe,
François
KURZINFOS:
- Die Litfassäule gegenüber vom Hauptbahnhof ist von gemietet und mit Werbung für die Filmwoche begleistert worden, bis ca. 6. April. Unbedingt anschauen!
- Nach Übernahme unseres Antrages auf Mietkostenzuschuß in den Verwaltungsantrag des Sozialbürgermeisters Seeh in den Nachtragshaushalt 1990 ist ein weiterer Finanzierungszuschuß von tausend Mark für die Filmroche genehmigt worden.
- Skinheads und andere Faschos haben in der Nacht vom 24. auf 25. März in einer Gruppe von 15 Leuten den Colombi-Park gezielt angegriffen. Ein Besucher des Parks wurde ausgenommen, zwei verprügelt. Nur einer hatte bislang den Mut, Anzeige zu erstatten.
In dem Zusammenhang hat die Gruppe beschlossen, auf die Polizei zuzugehen sowie die letztes Jahr geplante, aber nicht durchgeführte Flugblatt-Aktion in Parks und auf Klappen zu Beginn der wärmeren Saison Angriff zu nehmen. In den Gesprächen mit der Polizei soll darauf hingewirkt werden, daß diese zu ihrer Rosa-Listen-Praxis Stellung bezieht. Diese Praxis ist einer der Gründe für das zurückhaltende Verhalten der Schwulen bei der Verbrechensaufklärung. - Am 11. April jährt sich der Mordanschlag auf einen Schwulen in einer Basler Klappe. Von den Tätern, die inzwischen gefaßt sind, ist nur einer strafmündig und erhält einen Prozeß, zu dem wir einen Beobachter schicken wollen, zusammen mit der Schwulen Welle von RDL (hört’s Ihr auch rein? Jeden Donnerstag 19h30-21h, auf 102.3 MHz).
- Kurzurlaub mit der Rosa Hilfe: unsere “Partnergruppe” in Besancon C.HO.C (Collectif Homosexuel Franche-Comté) bietet uns ein gemeinsames Wochenende in einem privaten Landhaus (aus dem 18.Jh.) Ende Mai an. Wer mitfahren möchte, möge sich beim Rosa Telefon oder bei der Gruppe melden.
- Raumfragen: die Renovierung / Entseuchung des Strandcafés steht bevor. Für die Arbeiten, die bezahlt werden sollen, fehlen noch 1-2 Leute. Wer jemanden weiß, der einen ca. zweiwöchigen Job brauchen kann (Mitte/Ende April, Anfang Mai), bitte an uns weitergeben. Bis zum Abschluß dieser Arbeiten können wir das Café im Jos Fritz weitermachen, wenn wir wollen, auch darüber hinaus. Frage: soll man wieder ganz zurückgehen, ganz dableiben, oder aufteilen?
Heikler ist die Entwicklung zur Zeit in der Spechtpassage. Eine mehrmonatige Wartezeit für unseren Ausbau ist aufgrund erheblicher Schwierigkeiten des Projekts mit der Vormieterin nicht auszuschließen. - Das internationale Pink-Angle-Treffen europäischer Schwulen- und Lesbengruppen, das vom 23.-25. März in Freiburg stattfand, war arg durch organisatorische Schwierigkeiten der koordinierenden Gruppe in Oslo behindert. Es kamen zuwenig Leute aus zuwenig Ländern. Sehr schade. Es wurde Besserung gelobt, und ein Nachfolgetreffen unter besseren Voraussetzungen wiederum in Freiburg für Oktober d.J. beschlossen.
- Weiter international: unsere Freunde aus Besancon haben uns eingeladen, mit ihnen an der diesjährigen Gay-Pride-Demo (30.6.) in Paris teilzunehmen, die unter dem Motto “Solidarité internationale” steht, und zu deren Vorbereitungskomitee sie gehören. Die Alternative wäre eine Teilnahme an der Südwest-Demo in Karlsruhe, deren Vorbereitungsprotokolle nicht sehr vielversprechend klingen.
- Kulturelles: die Rosa Hilfe wird Mitveranstalterin eines Abends mit Max Goldt Anfang Juni sein, der im Vorderhaus stattfinden wird. Außerdem hoffen wir sehr auf die geplante 24-Stunden-Happening-Lesung schwuler Texte im Rahmen des diesjährigen Theaterfestivals. Details zu beiden Veranstaltungen kommen noch.
- Die nächste (inzwischen achte) Coming out-Gruppe beginnt am 24. April 90 in Kulturtreff in der Alten Uni (Bertoldstr.) um 19h. Nähere Informationen erteilt gerne das Rosa Telefon.
- Schwules Café / Offener Abend im April: 2. + 3. Freitag (13.4. und 20.4.) im Jos Fritz Café, Spechtpassage, Wilhelmstraße 15
