BZ: Lesbentelefon stellt seine Arbeit ein

Ende nach 26 Jahren / Fast nur noch Ältere in schwierigen Situationen nutzten das Angebot.

Als 1984 das Freiburger Lesbentelefon entstand, war Feminismus schick und das Bedürfnis, für die eigene Lebensweise öffentlich einzutreten, selbstverständlich. Ist Lesbisch-Sein heute einfacher als damals? Nein, sagen Gisela Wolf, 42, und Georgette Mettel, 44 – trotzdem haben die zwei von drei letzten Mitarbeiterinnen des Freiburger Lesbentelefons wegen mangelnder Unterstützung ihr Beratungsangebot Ende Juni eingestellt.

Was in Freiburg passiert, geschieht ähnlich auch anderswo, sagt Gisela Wolf: Jüngere, die sich früher beim Lesbentelefon anonym Unterstützung fürs Coming out oder Tipps für Lesben-Treffpunkte holten, sind aufs Internet umgestiegen. Ihre Probleme sind vielleicht anders als früher, aber nicht kleiner. Das belegen Untersuchungen über deutlich höhere Suizid- und Alkoholraten bei lesbischen im Vergleich zu heterosexuellen Frauen, sagt Gisela Wolf, die Psychologin ist.

Obwohl die Zahl der Anruferinnen beim Lesbentelefon von früher fünf bis zehn pro Abend auf zuletzt zwei bis drei zurückging: Zu tun hatten die ehrenamtlichen Beraterinnen immer noch genug. Statt überwiegend junger Frauen, die Gleichgesinnte auf dem Weg zu ihrer lesbischen Identität suchten, meldeten sich allerdings fast nur noch Ältere in deutlich schwierigeren Situationen. Viele mit großen psychischen Problemen oder schweren körperlichen Erkrankungen, andere in festgefahrenen Lebensmustern mit Mann und Kindern.

Oder Frauen, die aus beruflichen Gründen – zum Beispiel als Mitarbeiterin einer katholischen Einrichtung – nicht zu ihrem Lesbisch-Sein stehen konnten. Allesamt Situationen, die auch für die Beraterinnen belastend und nicht ohne weiteres zu “knacken” waren. Und die dringend einer Supervision bedurften. Die aber mussten die Frauen vom Lesbentelefon selbst bezahlen, denn sämtliche Anträge auf finanzielle Unterstützung seien immerzu gescheitert, erzählen Gisela Wolf und Georgette Mettel. Zwar trägt die Stadt Freiburg die Miete für das Frauenzentrum auf dem Grether-Gelände in der Adlerstraße, wo die Telefonberatung stattfand, die Landkreise rund um Freiburg, aus denen stets viele Frauen anriefen, hätten aber nie etwas beigesteuert.

Und wie geht’s jetzt weiter? Bei manchen Fragen können sich lesbische Frauen ans Frauen- und Mädchen-Gesundheitszentrum wenden, schlägt Georgette Mettel vor, bei allen anderen Fragen an die Homosexuellen-Beratung der Rosa Hilfe für schwule Männer. Die entstand in Freiburg etwa zur gleichen Zeit wie das Lesbentelefon, steht heute aber auf viel breiteren Beinen. Neben der Beratung gibt es dort ein großes kommerzielles und kulturelles Angebot – daher kann sich die Rosa Hilfe auch die Finanzierung von professioneller Beratung leisten. Was aber ist mit denen, die sich nicht von Männern beraten lassen wollen oder nicht ins Profil der Rosa Hilfe passen? Gisela Wolf und Georgette Mettel empfehlen ihnen eines der noch übrig gebliebenen Lesbentelefone. Die allerdings sind weit weg – zum Beispiel in Bremen oder Berlin.

Quelle: Badische Zeitung, 9. August 2010