Auf den Spuren von Freiburgs schwul-lesbischer Vergangenheit

Die 6. schwul-lesbische historische Stadtführung durch Freiburg, organisiert und durchgeführt von Birgit Heidtke, professioneller Historikerin und Stadtführerin, und Kai Woodfin vom Englischen Seminar der Uni Freiburg, Texaner mit Wahlheimat Freiburg seit 1988.

Für die 22 Teilnehmer und Teilnehmerinnen (Frauenquote etwa 40 %) bietet die Führung am 9. August 2013 in dieser Form eine zweifache Premiere. Die beiden ehrenamtlich arbeitenden Historiker ließen sich seit ihrer letzten Führung nicht lumpen und präsentieren ein in dieser Form noch nicht dagewesenes Programm mit neuer Route, neuen Stationen und neuen Details. Für ihre Recherchen stützen sie sich größtenteils auf Aussagen noch lebender Zeitzeugen, da noch erhaltene schriftliche Quellen über die Freiburger Schwulenbewegung rar gesät sind. Einige jener Zeitzeugen, darunter Bill Schaefer, Geschichts-Koryphäe und Spezialist für §-175-Opfer in Südbaden, sind sogar selbst zugegen.

So kommt es, dass die Führung über das schwul-lesbische Leben in Freiburg seit 1966 für die einen historische, für die anderen nostalgische Momente hervorruft, und für die Gruppe der Jüngeren die beigesteuerten Erinnerungen der Älteren die Berichterstattung lebendig untermalen.

Beispielsweise sollen sich zur Zeit der französischen Besatzung Soldaten in schmucken Uniformen auf der Klappe am Dreisam-Ufer nicht immer konsequent um die Unterbindung des dort praktizierten „regen Verkehrs“ gekümmert, sondern wohl auch teilgenommen haben, erinnert sich ein Zeitgenosse mit einem Lächeln an jene Zeiten zurück.

Hier, damals vor dem Ausbau der B31 noch im lauschigen Park-Ambiente, fand sicher manche nette Abend-Bekanntschaft ihr Happy End, die etwa 500 Meter entfernt in Freiburgs erster Schwulenkneipe (dem „Bobbele“) ihren Anfang gefunden hatte. Dieses Lokal in der Günterstalstraße 53, an dessen Stelle sich heute das „Dart-Stüble“ befindet (siehe S. 16), wurde 1966 eröffnet und in den Jahren bis zur Schließung 1974 gerne von Schwulen – auch aus der Schweiz und Frankreich – frequentiert, die hier größere Diskretion durch Anonymität fanden; zumindest in den 70ern fühlten sich die Gäste an diesem Ort sogar wohl und sicher genug, um miteinander zu tanzen, zu schmusen und zu knutschen.

Im Übrigen gab es umgekehrt auch einen besonders deutsch-frequentierten Club in Basel, damals schlicht „der Club“ genannt, heute unter dem Namen „Isola“ weitergeführt.

Ein paar Jahre später und weniger sexorientiert keimte Freiburgs Lesbenbewegung mit dem 1974 eröffneten „Frauenzentrum“ in der Luisenstraße 5 auf. Hier gab es als Beratungsangebot erstmals ein Lesbentelefon und es fanden regelmäßige Treffen und Partys statt. Bis zum Ende der 70er sollte aber das Klima in der Frauenbewegung eine öffentliche Bekenntnis zum Lesbischsein noch nicht zulassen; man sprach nur ungern darüber und besang auch auf ausgelassenen Liederabenden ausschließlich die heterosexuelle Liebe. Frau musste sich als Rebellin auf anderen Wegen Gehö verschaffen, z.B. als Politlesbe gegen den § 218 (Paragraph gegen Abtreibung) oder das AKW Wyhl in den Kampf ziehen.

Anders hingegen das Credo der 80er: Nur als Lesbe wurde man jetzt als waschechte Feministin anerkannt. 1982 erschien zum ersten Mal die „Freiburger Frauenzeitung“, 1986 eine Frauenredaktion beim Radio Dreyeckland, sogar für ein Frauentaxi setzte frau sich ein. Auch unpolitische Lesbengruppen waren im Kommen: die Motorradschrauberinnen, die Religiös-Spirituellen und das weniger dogmatische Funlesbentum.

Nachdem das Frauenzentrum 1986 – durch einen Kurzschluss verursacht – abbrannte, wurde es in die Schwarzwaldstraße 85 verlegt.

Die Führung geht weiter in Richtung Stadtkern mit zwei kürzeren Stationen, bestehend aus der Adelhauser Straße (Freiburgs einstigem Rotlichtviertel) und dem Augustinerplatz. Auf diesem gibt Kai einen Überblick über das Kommen und Gehen schwuler Clubs (u.a. „Tadzio“ alias „das Loch“ und die „Wunderbar“) und Birgit steuert Beschreibungen des „Reformspeisehauses Sanitas“ und des „Tiffany“ – zweier ehemaliger Lesbentreffs – bei. Nach dieser Portion Kurzweil ist dann die Zeit reif, noch einen Schritt tiefer in die Geschichte einzutauchen, und zwar in die dunkelsten Kapitel.

Die Rede ist von homosexuellen Männern, die Opfer des § 175 wurden, insbesondere im Dritten Reich. Ein grausames Schicksal erlitt z.B. Hans Winterhalter, geboren 1907 in Hinterzarten, der bis 1937 in Frankfurt am Main als Masseur und Kellner arbeitete, bis er wegen „Sittlichkeitsverbrechen“ ins Lager Walchum im Emsland verbracht wurde. Nach seiner Freilassung 1939 lebte er kurze Zeit in der Freiburger Fürstenbergstraße 7, wo heute auch ein ihm gewidmeter Stolperstein an ihn erinnert (vgl. SiF dez 2005 | jan 2006, S. 4).

Seine Freiheit währte aber nur kurz, denn im November 1939 nahm – der „widernatürlichen Unzucht zwischen Männern“ wegen – für ihn eine unerträgliche Irrfahrt ihren Lauf, die ihn durch 4 Gefängnisse bzw. Strafgefangenenlager und 2 KZs führte. Im KZ Sachsenhausen starb er schließlich im Dezember 1942 mit 35 Jahren angeblich an Herz-Kreislaufproblemen. Wahrscheinlicher ist aber, dass er – wie der Großteil der homosexuellen Häftlinge – ermordet wurde.

Passendes Musikprogramm an der ehemaligen Klappe am Dreisamufer: George Michaels „Out-side“. Im Musikvideo verarbeitete der Pop-Musiker 1998 selbstironisch seine Verhaftung für unzüchtiges Verhalten auf einer Klappe in Beverly Hills, die ihn unfreiwillig outete.

Weitere Stolpersteine zum Gedenken an §-175-Opfer, die sich nach heutigem Recht höchstwahrscheinlich nicht strafbar gemacht hätten, liegen in der Jahnstraße 10 (für Erich Mäder), in der Zunftstraße 5 (für Fritz Hauser) und der Berliner Allee 9 (für Edwin Rümmele, vgl. SiF aug | sept 2010, S. 6).

Insgesamt wurden nach diesem Paragraphen 140.000 Männer verurteilt, davon 53.000 zur Nazizeit. Für viele unerwartet und fast schockierender ist die Tatsache, dass auch die BRD, die ihn in der Nazi-Fassung unverändert (!) von 1949 bis zur großen Strafrechtsreform 1969 beibehielt, ebenfalls etwa 60.000 Verurteilungen durchführte. Nach dieser Reform verschandelte er weiterhin das Strafgesetzbuch bis zu seiner Streichung im Jahre 1994, allerdings galt für Homosexualität nun „nur noch“ ein höheres Schutzalter von 18 Jahren.

Bevor die Stadtführung schließlich im Freitagscafé im Jos-Fritz endet, steht als letzte Station mit dem ehemaligen Autonomen Zentrum gleich um die Ecke wieder ein erfreulicherer Abschnitt auf dem Programm. In der kurzen Lebenszeit des AZ von 1981 bis zum Brand 1985 soll sich hier ein Potpourri aus „sehr soften“ schwulen Männern, Punks und Lesben harmonisch getummelt haben.

Während sich auf dem Grether-Gelände die ersten lesbischen Café-Gruppen organisierten, fing hier im AZ die Tradition der schwulen Freitagscafés an, die bis heute, abwechselnd im Strandcafé und im Jos-Fritz-Café, von Ehrenamtlern am Leben erhalten wird.

Die schwul-lesbische Befreiungsbewegung war jetzt bald soweit für Freiburgs ersten Gay-Pride im Jahre 1989, an dem es einer Gruppe gewitzter Lesben gelang, Kindern in Gegenwart ihrer Eltern Luftballons unterzujubeln, die sich auf den ersten Blick brav an altbewährte Gendermuster hielten (rosa für Mädchen, blau für Jungs), die aber verkündeten: „Wenn ich groß bin, werde ich lesbisch.“ bzw. „Wenn ich groß bin, werde ich schwul.“

Vielen Dank an Birgit und Kai für diese unterhaltsame Führung, die einigen vermeintlich weniger spannenden Orten in Freiburg Leben eingehaucht hat! Ihr Honorar spenden sie zu 100 % an die Rosa Theke im Jos-Fritz-Café. | Paul

Quelle: SiF-Magazin Oktober 2013

Screenshot