

Texte aus dem SiF-Magazin Sep/Okt 2005:
Freiburgs schwuler Verein Rosa Hilfe e.V. feierte sein 20-jähriges Jubiläum
Bürgermeisterin Gerda Stuchlick übt symbolischen Schulterschluss
Der Saal war voll, als am Sonntag, dem 17. Juli, der Freiburger Verein Rosa Hilfe sein 20-jähriges Bestehen feierte. Über 120 Freunde und Freundinnen, Mitglieder und Vertreter der Stadt folgten in der Gaststätte Waldsee den Reden und dem kulturellen Rahmenprogramm.
Die Rosa Hilfe Freiburg e.V. kümmert sich seit 20 Jahren um die Belange schwulen Lebens in der Stadt. Die Arbeit des Vereins reicht von der persönlichen Beratung in Lebenslagen über die Organisation von Konzerten, Lesungen und Parties bis hin zum politischen Engagement für Gleichstellung.
Da Oberbürgermeister Salomon wegen eines Sportunfalls ausfiel, überbrachte an seiner Stelle Freiburgs Bürgermeisterin Gerda Stuchlick die Grüße der Stadt. Sie unterstrich die langjährige Leistung der Rosa Hilfe in der Beratungstätigkeit für Schwule, in der Aids- und Aufklärungsarbeit an Schulen und für die allgemeine Öffentlichkeit. Die Rosa Hilfe habe viel zur „Sichtbarkeit“ schwulen Lebens in Freiburg beigetragen.
Sie zitierte die berühmten Worte des Berliner Oberbürgermeisters „Ich bin schwul und das ist auch gut so“ (Klaus Wowereit) und betonte damit die großen Fortschritte, die in den vergangenen Jahren für Lesben und Schwule erreicht worden sind.
Rosa-Hilfe Vorstand Markus Klumpp nutzte die Gelegenheit für einen Rückblick, setzte aber auch Ziele für die nächsten 20 Jahre des Vereins. „Es geht nicht allein darum, Recht zu haben“, sagte Klumpp. „Der Erfolg einer Organisation wie der Rosa Hilfe misst sich daran, ob es gelingt, Ziele umzusetzen.“
Klumpp berichtete von dem konkreten Vorhaben, im Freiburger Innenstadtbereich ein ständiges Zentrum für Lesben und Schwule einzurichten. Die Bürgermeisterin erklärte sich bereit, im Stadtrat für ein solches Veranstaltungs- und Organisationszentrum einzutreten und bezeichnete dies als „persönliches Anliegen“.
Das Rahmenprogramm der Feier lieferten die Freiburger Kabarettgruppe „Die Schönen der Nacht“, der Schauspieler Manfred Burkhart und Freiburgs lesbisch-schwuler Chor „Die Queerflöten“.
Begonnen hatten die Feiern zum 20-jährige Jubiläum der Rosa Hilfe bereits am Freitag, dem 15. Juli, mit einer Sonderveranstaltung des Schwulen Freitagscafés auf dem Grethergelände. Außerdem lockte am Samstagabend die Tanzveranstaltung „SchwuLesDance“ über 1.100 Besucher und Besucherinnen in den Waldsee. Diese Veranstaltung der Rosa Hilfe ist mittlerweile eines der wichtigsten grenzübergreifenden Party-Ereignisse der Region, diesmal moderiert von TV-Stargast Olivia Jones.
Boris Kauth und Heinrich Raatschen
(für die Rosa Hilfe)
Rede zum 20. Jubiläum der Rosa Hilfe
von Bill Schäfer im SiF-Magazin (September-Oktober 20025)
Im Rahmen der Veranstaltung am 17. Juli 2005 in der Gaststätte Waldsee präsentierte Bill Schäfer dem anwesenden Publikum viele interessante historische Fakten und Einblicke in das schwule Leben Freiburgs (A.d.Red.) heute feiern wir 20 Jahre Rosa Hilfe. 20 Jahre – das ist geschichtlich gesehen keine so lange Zeit. Und doch hat sich in diesen 20 Jahren unheimlich viel verändert. Bevor wir aber auf die Gründung der Rosa Hilfe zurückschauen, möchte ich gerne 60 Jahre zurückgehen. Vor ein paar Wochen gab es viele Gedenkveranstaltungen zum 60. Jahrestag des Kriegsendes. Damals war Schwulsein gleich einem Todesurteil. Himmler hat gefordert, die Homosexuellen wie Brennnesseln auszureißen und ins Feuer zu werfen. Und das ist tatsächlich geschehen. Homosexuelle wurden ins KZ eingesperrt, wo sie erschossen, erhängt, erschlagen und zu Tode gefoltert wurden. Sie verhungerten und verreckten an allerlei Krankheiten. Experten schätzen die Zahl der homosexuellen Opfer in der NS-Zeit auf ca. 53.000. Das dürfte in etwa die Zahl der Verurteilungen sein. Von diesen Männern kamen etwa 5.000 – 7.000, manche sagen sogar 15.000, ins Konzentrationslager und viele von ihnen wurden dort ermordet. Auch Männer aus Freiburg und Umgebung waren darunter. Wir werden im Oktober mindestens 2 Stolpersteine in Freiburg für homosexuelle Opfer der Nazis verlegen. Dazu lade ich schon heute ein. Kommt bitte zahlreich zu diesen Stolpersteinverlegungen und zeigt, dass es den Nazis nicht gelungen ist, das Gedenken an diese Menschen für immer auszulöschen.
Homophobie war aber keine Erfindung der Nazis und hörte mit dem Untergang des 3. Reiches nicht auf. Der Paragraf 175 in der verschärften NS-Fassung blieb weiterhin während der ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik in Kraft. Viele Tausende wurden so nach diesem Nazigesetz verurteilt. Auch in Freiburg gab es Hunderte von Verurteilungen. Dieses Nazi-Unrecht setzte sich ungebrochen ein Vierteljahrhundert lang fort – ein schreiendes Unrecht, denn diese Gerichtsurteile aus jener Zeit sind bis heute noch nicht aufgehoben worden.
Und wie sieht es jetzt aus, 60 Jahre nach Kriegsende und etwa 35 Jahre nach der Entschärfung des Paragrafen 175? Heute leben wir in einem Land, in dem z. B. Klaus Wowereit in aller Öffentlichkeit sagen kann: “Ich bin schwul und das ist auch gut so.” Und die Menschen nehmen das zur Kenntnis, wählen ihn zum Oberbürgermeister und das Leben geht weiter. Heute leben wir in einem Land, in dem für die, die es wollen, eine eingetragene Partnerschaft möglich ist. Heute leben wir in einer Stadt, in der wir wie vor 3 Jahren im großen Stil den Christopher Street Day feiern können und der Oberbürgermeister übernimmt die Schirmherrschaft. Heute leben wir in einer Stadt, in der die Polizei, hier vertreten von Herrn Hager, mit der Rosa Hilfe zusammenarbeitet, um Gewalt und Verbrechen gegen Schwule zu verhindern. Und wir leben in einer Stadt mit einem vielfältigen Angebot an sozialen, politischen, sportlichen und kulturellen Aktivitäten für Schwule. Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle an das Sozial- und Jugendamt und an das Kulturamt für die finanzielle Unterstützung von verschiedenen Veranstaltungen.
Wie war eine so große Veränderung in so kurzer Zeit möglich? Weil überall in der Welt Menschen sich zu Gruppen zusammengetan haben, um für die Gleichberechtigung der Schwulen zu kämpfen. Anfang der 70er Jahre bildete sich in Freiburg die Gruppe Homosexualität und Gesellschaft, ein lockerer studentischer Zusammenschluss. Sie bildeten sich intern weiter, machten aber auch einige öffentlichkeitswirksame Aktionen in den Jahren 1971/72 wie Flugblätter und die Vorführung des Praunheim-Films “Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt”. Diese Gruppe lief Mitte der 70er Jahre aus und es entstand ein Vakuum, das erst gegen 1978 mit der Gruppe Freischwul gefüllt wurde. Wieder bildete sich ein privater Kreis von 6-7 Leuten, die erst einmal für sich etwas tun wollten. Man traf sich in privaten Wohnungen, doch die wurden bald zu klein, weil die Gruppe sich schnell vergrößerte. Aus dieser Situation heraus wurde in der Klarastraße hinter dem Café Einstein ein “Schuppen” aufgetan, die “Lila Klara”, in dem ab etwa 1980 der erste offene Abend stattfand. Er verstand sich bewusst als Gegenpol zur kommerziellen “Szene”. Nach ein paar Jahren musste der offene Abend aus der Lila Klara ausziehen und zog zuerst in die Fabrik Habsburgerstraße, dann in den alten Wiehre Bahnhof und endlich ins Strandcafé, wo der offene Abend 14-tägig stattfand. Die Gruppe Freischwul rief die erste schwule Filmwoche ins Leben. Ebenso fand eine Tagung der Schwulen Aktion Südwest in der Freiburger Studentensiedlung statt, an der Freischwul maßgeblich beteiligt war.
Anfang der 80er Jahre spaltete sich die schwule Gruppe des Autonomen Zentrums von Freischwul ab – man hatte irgendwie ein anderes Politikverständnis. Nicht direkt aus Freischwul heraus, jedoch aus dem immer größer werdenden studentischen Dunstkreis, wurde 1983 das Rosa Telefon gegründet. Und 1985 hatten einige Männer in Freiburg die Weitsicht und den Mut zur Gründung der Rosa Hilfe. Sie setzten sich Selbsthilfe und Emanzipation zum Ziel und begannen mit der Arbeit, sicherlich ohne zu wissen, was daraus würde und wie es genau weiter gehen sollte. Da gehörte sehr viel Begeisterung für die Sache und sehr viel Durchhaltevermögen dazu. Natürlich gab es Reibereien und Rückschläge aber mit viel Fantasie und Engagement ging es immer ein Stück voran. Und daraus ist in 20 Jahren ein großer Verein mit sehr vielen Untergruppen geworden. Ich möchte diese vielen Gruppen jetzt nicht nennen, das würde zu lange dauern. Wer sich informieren möchte, kann das mit einem Flugblatt der Rosa Hilfe tun.
Auch mir persönlich hat die Rosa Hilfe geholfen. Gerne würde ich einige Gruppen erwähnen, mit denen ich während meines eigenen Coming-outs Kontakt hatte. Zuerst habe ich beim Beratungstelefon angerufen, damals bei Kälte und Dunkelheit in einer Telefonzelle, da ich von zu Hause aus nicht anrufen konnte. Dann hatte ich ein Beratungsgespräch in den Räumen der Rosa Hilfe in der Eschholzstraße. An dieser Stelle möchte ich der Stadt Freiburg danken für die Unterstützung unserer Arbeit in Form eines Mietzuschusses für diese Räume. Dann ging ich während der Schwulen-Filmwoche zum ersten Mal in die Öffentlichkeit. Das weiß ich noch ganz genau. Damals war die Filmwoche im Kommunalen Kino im alten Wiehre Bahnhof. Ich fuhr dahin, alles war dunkel und das Kino war für mein Empfinden sehr hell erleuchtet. Ich hatte so Herzrasen, dass ich beinahe umgekehrt wäre. Aber ich bin doch hineingegangen und habe eine Eintrittskarte gekauft. Dann musste ich in diesem hellen Vorraum – für alle sichtbar – warten, bis die Tür aufging und ich in den dunklen Vorführraum hinein konnte. War ich erleichtert, dass ich das geschafft hatte und im Dunklen saß, wo niemand mich sehen konnte. Und da war auch mein erster Besuch im Freitagscafé auf dem Grethergelände. Wieder Herzklopfen bis ich es schaffte hineinzugehen und Erleichterung, als ich 2 bekannte Gesichter sah.
In den letzten 20 Jahren ist wirklich viel geleistet worden. Wenn man an die Zeit vor 60 Jahren und vor 35 Jahren denkt, erscheint es heute fast wie ein Wunder. Es ist wahrhaftig eine Erfolgsgeschichte. Und trotzdem sind wir noch nicht am Ziel. Es gibt noch so viel zu tun. Es gilt, das zu sichern, was erreicht wurde, denn das ist nicht selbstverständlich. Und wir haben neue Ziele, die erreicht werden wollen. Nachher wird uns Markus erzählen, wie die Arbeit in Zukunft weitergehen könnte. Aber vorher sollten wir uns einen Augenblick Zeit nehmen und uns freuen über das, was bereits erreicht worden ist. Es ist ein stattliches Ergebnis. Und wir denken an die vielen Menschen, die sich in den letzten 20 Jahren dafür eingesetzt haben, dass so viel möglich geworden ist. Was sie geleistet haben, ist großartig!
In seiner Rede bei der Jubiläumsfeier am 17. Juli 2005 eröffnete Markus Klumpp im Namen des Vorstandes der Rosa Hilfe Freiburg vor allem Ausblicke auf zukünftige Ziele, Aufgaben und Inhalte (A.d.Red.)
Wenn wir einen historischen Blick zurückwerfen, so stellen wir fest, dass sich die Lebenssituation von Schwulen in der Bundesrepublik in den letzten Jahren und Jahrzehnten maßgeblich geändert hat. Und es erscheint fast so, als hätte sich Alles zum besseren gewendet und Diskriminierung gehöre der Vergangenheit an. Somit seien die Klagen über die Zustände doch eigentlich anachronistisch.
Aber ist das wirklich so? Blicke auf die kleinen Details des Alltags sprechen eine andere Sprache:
- noch immer ist das Schimpfwort “Schwule Sau” auf Freiburger Schulhöfen sehr beliebt
- noch immer müssen Schwule sich auf abfällige Äußerungen (gerade von jungen Menschen) gefasst machen, wenn sie Hand in Hand durch die Stadt gehen
- noch immer leben wir damit, dass die Medien Zerrbilder und Klischees von Schwulen produzieren und damit ein gesellschaftliches Image prägen
- noch immer findet Diskriminierung am Arbeitsplatz statt – entweder verdeckt und subtil, aber auch ganz offensichtlich wie z. B. im Berufsfeld der Kirche
- noch immer sind wir konfrontiert mit Gewalt gegen Schwule – gab es doch erst vor einiger Zeit einen brutalen Übergriff auf einen schwulen Mann im Colombipark
- Nachtrag August 2005 aus aktuellem Anlass: noch immer erhoffen sich Wahlkämpfer, durch süffisanten Anmerkungen zum Sexualleben des politischen Gegners beim Wähler punkten zu können.
Dies alles bestärkt uns in der Gewissheit, dass wir die Augen offen halten müssen.
Lasst uns die Errungenschaften der letzten Jahre genießen, aber achten wir darauf, uns nicht in falscher Sicherheit zu wiegen.
Und dies ist eigentlich schon Erläuterung genug, warum es die Rosa Hilfe gibt und auch in Zukunft geben muss.
Was sind nun die Aufgaben der Rosa Hilfe für die nächsten 20 Jahre?
Gleichstellung durchsetzen
Gleichstellung – was soll das sein? Es gab keine schwulenpolitische Gruppe, die nicht die
heißeste Diskussionen allein der Begrifflichkeit wegen geführt hat: Gleichstellung? Oder vielleicht doch eher Emanzipation, Akzeptanz, Integration, Toleranz….
Wenn wir den Begriff “Gleichstellung” verwenden wollen: was soll das sein? Heißt das, dass wir genau das Gleiche wollen, was die Heteros auch haben? Heißt Gleichstellung die Kopie von
heterosexuellen Lebensweisen?
Die Rosa Hilfe ist überzeugt, dass das nicht gemeint sein kann.
Gleichstellung bedeutet, dass wir Schwule für uns die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen fordern, damit ein offenes, selbstbewusstes und selbst bestimmtes schwules Leben möglich ist.
Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Bei der Frage, was dies nun konkret bedeutet, gehen die
Meinungen deutlich auseinander:
- Ist man mit dem Lebenspartnerschaftsgesetz der Gleichstellung näher gekommen? Hierzu gibt es die unterschiedlichsten Ansichten und es ist fast unmöglich, sie zusammenzubringen.
- Wird das Antidiskriminierungsgesetz den Durchbruch zur Gleichstellung bringen? Die einen sehen es so – die anderen halten das für naiv.
Mit der Vielfalt und Pluralität der Community umgehen
Schon lange existiert keine einheitliche schwule Community mehr – wenn es sie je gab.
Schwule Männer sind im Hinblick auf politische Einstellung, Geschmack, Vorlieben, Bekenntnissen oder Lebensweisen so unterschiedlich …… wie es heterosexuelle Menschen eben auch sind. Es haben sich unterschiedliche Strömungen und Richtungen herausgebildet, die sich auch nicht immer grün sind.
Wir als Rosa Hilfe müssen im Rahmen unseres emanzipatorischen Anspruchs offen bleiben für unterschiedliche Strömungen und Sichtweisen. Und es ist auch unsere Aufgabe, diese unterschiedliche Strömungen zu gemeinsamem Handeln zusammenzuführen.
Denn Denken und Handeln in politischen Lagern oder Richtungen grenzt aus, schränkt Möglichkeiten ein, verhindert Bündnisse und schadet damit unserer Sache.
Image des Schwulen in der Öffentlichkeit verändern
Wer die Vielfalt der schwulen Community kennt, ärgert sich umso mehr über die Zerrbilder und Klischees, die noch immer in der Öffentlichkeit über uns verbreitet werden.
Die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft hat auch heute noch ein sehr eingeschränktes Bild von Schwulen. Dieses Bild wird hauptsächlich durch die Medien vorgegeben durch seichte Beziehungskomödien, Soap-Operas, aber auch vermehrt durch die kommerzielle Werbung.
Es bleibt aber trotz allem ein eingeschränktes Bild – mal mehr, mal weniger wohlwollend. Niemand hat diesen Widerspruch besser formuliert als Claus Donate, der vor einigen Jahre gestorben ist. Er schreibt:
“Man kennt den schwulen Modeschöpfer und den effeminierten Friseur, der in Herrenwitzen auf den Namen ‘Detlef’ hört – aber es gibt auch den schwulen Automechaniker mit den öligen Fingerkuppen und den schwulen Metzger mit den breiten Schultern. Man kennt den zarthüftigen Balletttänzer und den kreischigen Damenimitator, aber niemand erahnt im Goldmedaillengewinner des Zehnkampfes oder im Bundesliga-Star den Mann, der Männer liebt. Es gibt auch den schwulen Straßenkehrer und den Schwulen Penner – aber es gibt auch den schwulen Asylanten, den schwulen Behinderten, den schwulen Skin.”
Mit Klischees kann man umgehen, wie man will – man kann sich darüber ärgern, man kann sie ignorieren oder man kann darüber lachen. Aber solche gesellschaftlichen
Zerrbilder zeigen uns, dass Schwule in der Öffentlichkeit nicht so wahrgenommen werden, wie sie sind – eben so vielfältig, wie sie Claus Donate beschrieben hat.
Es ist die Aufgabe der Rosa Hilfe, aber auch jedes einzelnen von uns, diesen Klischees lebensechte Bilder entgegenzusetzen. Wir müssen erreichen, von der Öffentlichkeit in unserer Vielfalt wahrgenommen zu werden, nicht als Zerrbilder und nicht als Karikaturen.
Da können wir aber mit dem Kehren gleich vor unserer eigenen Tür anfangen, denn auch die schwule Community produziert mit ihrem Jugend- und Schönheitskult ein irreales und eingeschränktes Zerrbild von Schwulen. Sie vergötzt ein Schönheits- und Jugendideal, das es so in der Realität eigentlich gar nicht gibt.
Das Schlimme daran ist, dass diese Oberflächlichkeit nicht nur die Hochglanzmagazine und Werbeprospekte beherrscht, sondern auch die Köpfe. Die Reduktion schwulen Lebens auf ein paar genormte körperliche Merkmale verunsichert viele Schwule und nagt an ihrem Selbstwertgefühl, denn wer von uns kann diesem Schönheitsideal schon entsprechen?
Die Rosa Hilfe ist überzeugt, dass es nicht sein kann, dass wir uns von heterosexuellen Werten und Normen eman-zipieren und emanzipiert haben, nur um uns dann gleich wieder sehr zweifelhaften Werten und Normen unterzuordnen, die uns von Werbung, Schönheitsindustrie und Erotikpresse diktiert werden. Das hat nichts mit Vielfalt zu tun, nichts mit selbstbewusstem schwulen Leben und bietet erst recht keinen “Raum für Möglichkeiten”.
Wir müssen Kommunikation und schwules kulturelles Leben ermöglichen
In der schwulen Community ist wie in der Gesamtgesellschaft auch der Hang zur Vereinzelung zu beobachten. Dies bedeutet ein weiteres großes Aufgabenfeld für die Rosa Hilfe.
Hier sprechen wir von dem stärksten Standbein, das die Rosa Hilfe hat und auf das wir sehr stolz sind: das schwule Freitagscafe, das SchwuLesDance, unser Kulturlabel “Pink Culture”, die Zeitschrift “Schwul in Freiburg” und viele andere Angebote des Vereins sind feste Institutionen in Freiburg und bieten Räume für Kommunikation, Information, für schwule Kultur und für
die Entwicklung einer eigenen schwulen Identität.
Diese Angebote fallen natürlich nicht vom Himmel, sondern werden von einem Kreis von Aktiven getragen. Sie sorgen dafür, dass den Schwulen in Freiburg und Umgebung diese verlässliche Infrastruktur geboten wird.
Es ist dem Vorstand der Rosa Hilfe ein Bedürfnis, an dieser Stelle all den Engagierten und Zuverlässigen zu danken, die so viel Zeit, Energie und Kreativität in die Rosa Hilfe und damit in die schwule Szene investieren.
Beratung und Unterstützung für schwule Belange anbieten
Noch vor Gründung der Rosa Hilfe hat sich das Rosa Telefon gegründet und hier spiegelt sich unsere Vereinsidee am deutlichsten wider: Hilfe zur Selbsthilfe – Schwule helfen Schwulen.
Ängste und Selbstzweifel beim Coming-Out ? Wer kann besser Unterstützung anbieten als jemand, der diese Phase selbst durchlebt hat?
Umgang mit schwulenfeindlichem Mobbing? Hinweise bei der Suche nach Austausch mit
Gleichgesinnten?
Unterstützung bei familiären Konflikten? Hilfe bei antischwuler Gewalt?
Wer kann besser Beratung anbieten als jemand, der solche Situationen möglicherweise selbst kennt?
Unter dem Dach der Rosa Hilfe hat sich eine breite Palette von Beratungsgruppen etabliert; zu nennen wäre die Coming-Out-Gruppe, die schwulen Väter und Ehemänner, die Rosa Panther, die Elterngruppe und einige mehr.
Die Rosa Hilfe ist stolz auf dieses traditionsreiche Angebot und nimmt die Herausforderung gerne an, dieses Angebot immer wieder an die Erfordernisse der Zeit und an die Bedürfnisse der Zielgruppe anzupassen. Denn auch in Freiburg hat sich die Beratungslandschaft verändert und verlangt von uns, dass wir neu ausjustieren, welche Angebote gebraucht werden und welche nicht.
Ebenso müssen wir überprüfen, welche Angebote schon existieren oder eher in Kooperation mit anderen Beratungsstellen durchgeführt werden sollen. Außerdem müssen wir klären, ob sich in den vergangenen Jahren neue Fragestellungen und Zielgruppen entwickelt haben.
Schwule im Alter unterstützen
Eines dieser neuen Themen, mit denen sich die Rosa Hilfe verstärkt auseinandersetzen muss, ist das schwule Leben im Alter.
Natürlich gab es auch vor zwanzig Jahren und lange davor ältere und alte Männer, die sich zu anderen Männern hingezogen fühlten. Doch sie sind nicht in Erscheinung getreten – das hatte mit der damaligen Zeit zu tun, aber auch mit den Erfahrungen dieser Männer zu tun.
Jetzt sind zwanzig Jahre vergangen, und die heutige Generation der schwulen Über-Sechzigjährigen will nicht unsichtbar bleiben – und das ist auch richtig so.
Wir als Rosa Hilfe und als schwule Community müssen uns die Frage stellen, ob wir älteren und alten Schwule einen Raum für ihre Bedürfnisse bieten? Wie verhindern wir, dass sich die alten Herren ins Private zurückziehen, weil für sie die schwulen In-Kneipen und lauten Tanzveranstaltungen keine angemessene Möglichkeit bieten, sich zu treffen und auszutauschen? Wie schaffen wir es, einen Kontakt zwischen den schwulen Generationen herzustellen – zwischen den Kids, dem “Mittelalter” und den Senioren?
Die Generation der heutigen 30-50jährigen Schwulen sind wohl die erste Generation, die sich Gedanken macht (bzw. machen muss) über ihre Lebensgestaltung als schwule Senioren. Wie wünschen wir uns das Schwulsein im Alter – auch im hohen Alter? Welche Bedürfnisse an Unterbringung und Pflege werden wir als Schwule haben? Welche Formen des Zusammenlebens können wir uns vorstellen und müssen wir die Weichen hierfür möglicherweise jetzt schon stellen?
Wir wissen, dass viele Schwule diese Gedanken mit sich herumtragen. Und da es noch kein konkreten Konzepte, keine Vorbilder und keine Vorzeige-Einrichtungen gibt, bleibt alles noch im Vagen. Aus diesem Zustand wollen wir das Thema herausholen, indem wir Ideen und Konzepte entwickeln, diese mit Fachleuten aus dem Bereich der Altenpflege diskutieren und somit das Thema “Alter” stärker als bisher in die schwule Community tragen.
Geschichte der Schwulen in Freiburg aufarbeiten und publizieren
Gerade die älteren Schwulen können erzählen aus der Geschichte – aus der schwulen Geschichte. Wenn man ein x-beliebiges Geschichtsbuch aufklappt und nach Hinweisen sucht nach schwulen Bezügen, so wird man finden. Das ist bei der Geschichte der Freiburger Schwulen nicht anders.
Dies ist eine Aufgabe für die Rosa Hilfe, mit der wir uns nicht mehr viel Zeit lassen dürfen. Es geht nicht nur um die Geschichte der Rosa Hilfe – auch wenn sie alleine schon sehr spannend ist. Es geht um unsere Geschichte hier in dieser Stadt – die letzten Jahrzehnte, aber auch die Schreckenszeiten des Nationalsozialismus und weiter zurück – so weit sich Spuren finden lassen. Es geht um die Spuren von Menschen, die so gefühlt haben wie wir – und über ihr Leben, ihre Zeit, ihr Schicksal. Es ist unsere Geschichte – sie sind, wenn man so will – unsere
Vorfahren.
Schwule Forderungen durchsetzen
All diese Aufgaben, die wir vorgestellt haben, sind nur zu leisten, wenn die politischen Rahmenbedingungen in Freiburg stimmen. Aus diesem Grund hat die Rosa Hilfe einen expliziten politischen Anspruch.
Was verstehen wir in der Rosa Hilfe unter politischer Arbeit?
Politische Arbeit heißt ganz lapidar: schwule Forderungen durchsetzen! Es geht nicht nur darum, Forderungen zu stellen, es geht ums Durchsetzen. Wir sollten unser Augenmerk nicht darauf richten, die wahre Lehre zu verkünden, recht zu behalten und dabei noch sehr öffentlichkeitswirksam zu sein.
Unsere politische Arbeit wird sich daran messen lassen müssen, ob wir ganz konkret schwule Forderungen in Freiburg durchgesetzt haben.
Das bedeutet für uns, dass wir klar sein müssen in unseren Aussagen. Wir müssen hartnäckig bleiben, geduldig mit uns und ungeduldig mit der Politik. Wir müssen visionär und gleichzeitig realistisch sein. Wir müssen bereit sein, auch in Zwischenschritten zu denken. Und wir müssen uns Verbündete suchen, uns vernetzen und die Zusammenarbeit suchen mit Gremien und Institutionen. Denn ohne erfolgreiche politische Arbeit kein Erfolg bei der Gleichstellung.
Queeres Zentrum für Freiburg
In einem Artikel wie diesem kann es vorkommen, dass man sich wiederholt. So wurde das Thema “Vernetzung” mehr als einmal angesprochen wurde – und das aus gutem Grund: wir glauben, dass die Vernetzung der queeren Gruppen der Schlüssel zu unserem gemeinsamen Erfolg ist.
Angesichts knappe finanzieller und räumlicher Mittel, aber auch mangelnder Men- und Womenpower sind wir auf gegenseitigen Austausch und Unterstützung angewiesen, müssen wir Doppelarbeiten vermeiden und immer wieder gemeinsam auftreten, um unsere
Forderungen durchzusetzen.
Doch nicht nur unser Verein weiß das – diese Erkenntnis hat sich auf breiter Ebene durchgesetzt. Eine Vernetzung dieser Art ist nur möglich, wenn wir dafür auch räum –
lichen Voraussetzungen schaffen. Deshalb brauchen wir – heute stärker denn je – ein queeres Zentrum für Freiburg. Das ist keine neue Idee – es ist auch keine Idee alleine der
Rosa Hilfe.
Diese Forderung wird getragen von einem breiten Spektrum von Gruppen aus der queeren Szene – das Konzept wurde entwickelt mit den Rosekids e. V., dem CSD Freiburg e. V., den Schwusos Freiburg, SMile Freiburg, der AIDS-Hilfe Freiburg, dem Arbeitskreis Lesben, Schwule, Transidente im DGB Freiburg sowie der Frida Flib.
Was stellen wir uns vor unter einem queeren Zentrum für
Freiburg?
Das Queere Zentrum – angesiedelt in der Freiburger Innenstadt – soll Räume bieten für die Freiburger Gruppen, die im Bereich sexuelle Aufklärung, Emanzipation und Prävention tätig sind: Büroräume, Tagungsräume, aber auch Platz für Veranstaltungen und Gastronomie – also ein Zentrum, wie es andere Städte in der Größenordnung Freiburgs schon längst haben.
Der Sinn eines solchen Zentrum ist seit Jahren unbestritten – der Bedarf ebenso wenig.
(Nachtrag August 2005: Im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten haben wir das Konzept dieses Zentrums an Frau Bürgermeisterin Stuchlik als die Vertreterin der Stadt Freiburg herangetragen. Nun beginnt für uns alle eine Zeit der beharrlichen Überzeugungsarbeit, um dieses Konzept mittelfristig in die Tat umsetzen zu können. Über den weiteren Fortgang der Gespräche mit der Stadt werden wir ausführlich berichten.)
Resümee
Wir möchten diesen Ausblick auf die nächsten 20 Jahre der Rosa Hilfe nicht beenden ohne eine Anmerkung auf einen schwulen Schriftsteller, den die Freiburger schwule Community schon fast adoptiert hat: Lutz van Dijk war schon zweimal zu Lesungen in Freiburg – wir hoffen nicht zum letzten Mal.
Eines seiner eindrucksvollsten Bücher trägt den Titel: “Verdammt starke Liebe” und erzählt eine wahre, jedoch sehr tragische Geschichte: während des 2. Weltkrieges mitten im besetzen Polen verlieben sich ein polnischer Jugendlicher und ein deutscher Wehrmachtssoldat – doch ihre gemeinsame Liebe findet unter den Nazis ein brutales Ende. Dieser polnische Jugendliche hat
den 2. Weltkrieg und die Verfolgung als Schwuler überlebt. Er ist nun über 80 Jahre alt.
Im Nachwort zu seiner Lebensgeschichte schreibt er uns allen ins Stammbuch, was das Ziel unseres Vereins, aber auch das Motto für uns als Einzelpersonen sein soll.
“Inzwischen ist mir auch über meinen persönlichen Fall hinaus wichtig geworden, dass Menschen in allen Ländern dieser Welt endlich begreifen, dass es immer ein Verbrechen ist, Liebe zu bestrafen und Gewalt zu tolerieren. Allein umgekehrt macht es doch einen Sinn.”
Markus Klumpp
für den Vorstand der Rosa Hilfe