10 Jahre QueerFlöten e.V. (1993-2013)

Mehr als nur Noten: Wie ein queerer Chor vor Gericht zog, Familien gründete und versteinerte Gesichter zum Lächeln brachte

Wir alle wissen, was ein Chor ist: eine Gruppe von Menschen, die zusammen singen. Aber kann ein Chor mehr sein? Kann er ein politisches Schlachtfeld werden, eine Ersatzfamilie, ein Motor im Kampf um gesellschaftliche Anerkennung? Die Geschichte der „QueerFlöten“, Freiburgs lesbisch-schwulem Chor, ist die Biografie einer Bewegung im Kleinen und beweist eindrücklich: Die Antwort ist ein klares Ja. Gegründet 1993, blickte der Chor zu seinem 10-jährigen Jubiläum auf eine Dekade zurück, die nicht nur von Harmonie, sondern auch von harten Dissonanzen und bahnbrechenden Siegen geprägt war. Dies sind vier Fakten aus ihrer Geschichte, die zeigen, wie aus der Lust am Singen ein Akt der Emanzipation wurde.

1. Ein Name als Manifest – und die Flöten waren „völlig nebensächlich“

Als 1993 ein Name für den neu gegründeten Verein gefunden werden musste, entstand „QueerFlöten“. Eine der Gründerinnen, Eve, erinnert sich, dass sie den Namen „erfunden oder zumindest beim Brainstorming dabei“ war. Ihr ging es, wie sie erzählt, in erster Linie um das Wortspiel zwischen dem englischen „queer“ und dem deutschen „quer“. Im Deutschland der frühen 90er-Jahre war dies ein radikaler Akt der Selbstdefinition. Das Wort „queer“, das lange als Schimpfwort galt, wurde bewusst als provokante und selbstbewusste Identität zurückerobert.

Das überraschendste Detail aber offenbart die Prioritäten des Chores: Der zweite Teil des Namens, die „Flöten“, war laut der Gründerin „völlig nebensächlich“. Diese beiläufige Haltung zum musikalischen Aspekt im Namen selbst war eine subversive Ansage. Es signalisierte von Anfang an, dass es hier um mehr als nur Musik ging – es ging um eine verspielte, unangepasste Haltung, die sich nicht in traditionelle Schubladen stecken ließ.

2. Als der Sängerbund „pornographische Shows“ fürchtete – und vor Gericht verlor

Der unangepasste Geist, der sich im Namen manifestierte, wurde bald auf die Probe gestellt. 1993 beantragten die QueerFlöten die Aufnahme in den Badischen Sängerbund (BSB), um Zugang zu Fördergeldern und Netzwerken zu erhalten. Die Antwort kam 1994 und war ein Schock: Der Antrag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. Die offizielle Begründung war an Ironie kaum zu überbieten: Der Chor weise in seiner Literaturauswahl „ausschließlich auf Ihre Probleme hin“ – und das, obwohl die QueerFlöten zu dieser Zeit ausschließlich Lieder in der Originalfassung sangen und keine spezifisch queeren Texte hatten.

Nachdem 1999 ein erneutes Antragsgesuch scheiterte, reichte es ihnen. Gemeinsam mit den „Schrillmännern“ aus Karlsruhe und den „Rosa Kehlchen“ aus Heidelberg verklagten die QueerFlöten den BSB. Die Gerichtsverhandlung im Jahr 2000 legte die tiefsitzenden Vorurteile offen. Der Präsident des Sängerbundes befürchtete, der Chor würde „pornographische Texte und Shows“ darbieten und dass dem Bund „die Eltern mit dem erwünschten Nachwuchs weglaufen“ würden. Der Richter konterte diese absurden Ängste trocken und direkt, wie die Badische Zeitung vom 12.8.2000 berichtete:

Wir reden doch hier nicht von einem Chor der Päderasten.

Das Gericht entschied, dass der BSB die Chöre aufnehmen müsse. Dieser Sieg war mehr als nur ein juristischer Erfolg; es war ein Meilenstein, der eine Bastion der bürgerlichen Kulturtradition zwang, eine queere Organisation anzuerkennen und ihr damit Legitimität zu verleihen. Die öffentliche Demontage homophober Stereotypen vor Gericht erregte deutschlandweit Aufsehen und katapultierte den Chor, der kurz zuvor noch seine CD „Schnittchen“ aufgenommen hatte, in eine neue Sphäre der Sichtbarkeit.

3. Mehr als Musik – die „Familienfunktion“ als sicherer Hafen

Der Mut, eine etablierte Institution herauszufordern, kam nicht von ungefähr. Er speiste sich aus einem starken inneren Zusammenhalt. Von Anfang an waren die QueerFlöten mehr als nur ein Ort zum Proben; der Chor hatte, insbesondere in den frühen Jahren, „auch immer ein bisschen Familienfunktion“. Für viele war er die erste Gemeinschaft, „in der sie als homosexuell lebende Menschen sie selbst sein konnten“. Hier fanden sie einen sicheren Raum, frei von den Vorurteilen und dem Druck der heteronormativen Gesellschaft.

Diese Funktion als sozialer Ankerpunkt war so zentral, dass immer wieder die Frage diskutiert wurde, ob auch Heterosexuelle mitsingen dürften. Die einen wollten den exklusiven Schutzraum bewahren, in dem man „wirklich unter uns sind“, während die anderen dafür plädierten, „offen sein möchten für alle Menschen“. Diese Debatte zeigt, wie tief die Bedeutung des Chores als sicherer Hafen in der Identität der Gruppe verwurzelt war. Es war dieser sichere Hafen, der den Mitgliedern die Kraft gab, nach außen zu wirken und persönliche Risiken einzugehen.

4. Die stille Macht der Bühne – vom Notenblatt zur gelebten Utopie

Die politische Dimension des Chores entfaltete sich nicht nur vor Gericht, sondern vor allem auf der Bühne. Jeder öffentliche Auftritt war ein Akt der Sichtbarkeit und somit ein politisches Statement. Jedes Mitglied, das auf der Bühne stand, nahm bewusst ein „Diskriminierungsrisiko“ in Kauf, besonders jene, die in kirchlichen Einrichtungen oder anderen sensiblen Berufsfeldern arbeiteten. Sie taten es, weil sie „damit auch etwas in Gang bringen möchten“.

Diese stille politische Arbeit trug Früchte. Bei Benefizkonzerten erlebten die Sängerinnen und Sänger, wie sie mit ihrer Musik Mauern im Kopf einrissen. Sie beobachteten, wie sich im Publikum „die versteinerten Gesichter zusehends entspannten und sogar mit uns lächeln“ konnten. Diese Transformation spiegelte sich auch im Auftreten des Chores wider: Hatten sie anfangs noch „brav traditionell in Schwarz und Weiß und mit Notenblättern in der Hand“ gesungen, wurde ihr Stil mit der Zeit „freier, bunter und belebter“. Jeder Auftritt, jede Reise zu europäischen Chorfestivals wie „Various Voices“ in Groningen, München oder Berlin, wurde zu einem Akt der Normalisierung, der Vorurteile nicht durch Argumente, sondern durch geteilte Menschlichkeit und Lebensfreude herausforderte.

Fazit

Die Geschichte der QueerFlöten ist die Chronik einer Metamorphose: von einer einfachen Idee unter Freunden zu einer Gemeinschaft, die zu einer Familie wurde, und von dort zu einer politischen Kraft, die institutionelle Schranken durchbrach. Ihr Weg zeigt, wie eine künstlerische Gemeinschaft nicht nur Harmonien schafft, sondern auch gesellschaftliche Widerstände überwindet und ganz leise Herzen gewinnt. Sie ist ein beeindruckendes Zeugnis dafür, dass die Bühne manchmal der wirkungsvollste Ort für eine Revolution sein kann – eine Revolution, die mit einem Lächeln beginnt.

Quelle: SiF-Magazin Oktober 2003